Die Notwendigkeit transzendenter Selbsterfahrung


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Es kommt auf den Standpunkt an. Immer.

Das Bild zu diesem Beitrag zeigt einen Ausschnitt einer römischen Straßenkarte, der Tabula Peutingeriana. Die Pergamentrolle wurde auf Reisen mitgeführt und stellte das gesamte römische Straßennetz dar; die Knicke auf den Straßen markierten Reisetage. Vergleicht man sie mit heutigen Satellitenbildern oder gängigen Karten wird man feststellen, dass sie geographisch wenig miteinander zu tun haben. Das Mittelmeer ist in zwei lange horizontale Arme gespalten deren oberer Teil das Adriatische Meer darstellt, im Zentrum Rom mit dem italienischen „Stiefel“ als lange Landzunge.

Ohne die Karte an dieser Stelle im Detail zu diskutieren kann man erkennen, dass sie mit den geographischen Gegebenheiten unserer Erde wenig zu tun hat, dennoch ist sie äußerst präzise. Wer wissen möchte, wie lange er von Köln oder aus dem Zweistromland nach Rom benötigt, erhält eine exakte Auskunft und genau dafür wurde sie konzipiert. Dass Menschen, die mit dieser Darstellung lange Jahre arbeiten und ständig erfahren, dass die Informationen, die sie aus ihr gewinnen valide sind, von ihrer bildhaften Darstellung stark geprägt werden, dürfte kaum wundern. Der Blick auf die Geographie und die Vorstellungen, die damit an unsere Welt geknüpft sind, ist naturgemäß ein völlig anderer, als bei uns modernen Menschen mit unseren maßstabgetreuen Navigationsmitteln.

Vor vielen Jahren telefonierte ich einmal mit einem Außendienstmitarbeiter der Firma, für die ich damals tätig war und wollte wissen, wo er sich gerade befinde. Er konnte es mir aus dem Auto heraus nicht beantworten. Ich wollte wissen, ob er schon an Chemnitz vorbei gekommen sei, er wusste es nicht. Sein Navi zeigte immer nur nach oben, er interessierte sich für sein Ziel und für Ausweichmöglichkeiten bei Staus, aber wo er sich befand, wusste er nicht, allein die geschätzte Ankunftszeit am Ziel konnte er mir sagen. Für ihn gab es als Richtung einzig nur nach oben, also vorwärts und alles andere war irrelevant.

Die Art, wie wir auf die Welt sehen ist dabei keine bloße Äußerlichkeit. Der Blick bestimmt das Weltbild, wir verlassen uns in für uns wesentlichen Situationen intuitiv auf die gewohnte Sicht, als Basis für zahlreiche Entscheidungen und Handlungen. Das geht so weit, dass viele mit geradezu religiösem Eifer für ihre Interpretation kämpfen und beispielsweise versuchen, gegen allen technischen Anschein die Vorstellung einer flachen Erde gesellschaftlich durchzusetzen (dabei weiß eigentlich jeder, der sich schon einmal seine Schuhsohlen betrachtet hat, dass die Erde rund ist, wir aber auf der Innenseite entlanglaufen – liefen wir außen über eine Kugel, wären die Sohlen entgegengesetzt gewölbt).

Die eigene Welt

„Welt“ ist interpretierter Raum. Die Vorstellung, die wir uns aufgrund der Erfahrung von Zeit- und Räumlichkeit machen, ist unsere Welt. Und hier beginnt für viele ein Problem, denn eine durchwegs konsequente Theorie zu dem, was sich uns zeigt, hat bisher scheinbar noch niemand gefunden.

Doch ist das wirklich so? Unsere heutige, wissenschaftliche Weltsicht, so denken doch viele, spielt in einer anderen Liga. Wir können uns mit moderner Technik ein Bild aus der Luft, bis tief in den Weltraum hinein machen und da bleibt für persönliche Interpretationen nur wenig Spielraum. Wissenschaft ist neutral, hier steht nicht der Nutzen sondern wirkliche Einsicht im Zentrum.

Also gut, werfen wir einen genaueren Blick auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse, wobei wir der Einfachheit wegen kleine Unschärfen, wie neuste Erkenntnisse moderner Weltraumteleskope, methodisch außer acht lassen. Mittlerweile haben wir ein konsistentes Bild von der Welt, angefangen bei unserem Planeten, der bis ins Detail vermessen wurde, über das Sonnensystem, die Milchstraße bis über Galaxienhaufen hinweg. Kaum eine Zivilisation vor uns dürfte ein ähnlich genaues Bild von der Größe des Universums gezeichnet haben und dies nicht religiös motiviert, sondern vor allem auch wissenschaftlich experimentell begründet. Der Weg vom geozentrischen Weltbild, hin zu unseren heutigen Erkenntnissen war oft steinig aber letztlich hat sich der neutrale empirische Blick durchsetzen können.

Dennoch kommen wir auch mystisch auf unsere Kosten, wenn wir versuchen, die Größe des Kosmos zu begreifen und diese dann in Relation zu unserem eigenen Dasein stellen. Da können wir nach wie vor erschaudern, angesichts der Bedeutungslosigkeit, die unsere Alltagsprobleme gegenüber einer solchen Erkenntnis erlangen. Den Schluss von der Größe auf die Bedeutung nehmen wir dabei nicht als den Kategorienfehler wahr, der er ist.

Eine falsche Nichtigkeit

Die Größe einer Sache, die bloßen Ausmaße, steht in keinerlei Zusammenhang mit der Wertigkeit. Egal wie groß ein Berg ist, ein Planet oder ein Sternensystem, nichts ist nur aufgrund seiner Masse von Bedeutung. Wir spüren das, wenn wir uns für den Erhalt der Natur auf unserem Planeten einsetzen. Niemand würde auf die Idee kommen, der Jupiter oder der Neptun seien schützenswerter als die Erde, weil sie größer sind. Qualität erlangt etwas, weil es für andere wichtig ist. Am Ende muss jemand mit der Fähigkeit zu werten vorhanden sein, um statt der einfachen Kausalkette eine Abhängigkeit der Bedeutungen zu sehen und den Ereignissen Wertmaßstäbe zu Grunde zu legen.

Über diese Fähigkeit verfügen soweit bekannt allein wir Menschen. Als Betrachter der Sternenkarte bewerten wir sie nach ihrem Nutzen, der Genauigkeit oder auch nach ästhetischen Gesichtspunkten. Der privilegierten Situation des selbständig analysierenden Bewusstseins trägt auch die modernste Karte keine Rechnung. Sie mag vielleicht Milliarden an Lichtjahren darstellen, kann aber doch keine Aussage über den Betrachter selbst treffen, warum er ausgerechnet heute und an exakt den tatsächlichen physischen Koordinaten existiert.

Das Problem ist hier nicht nur eines des fehlenden Fokus. Wie die römische Karte, erfüllen auch heutige Karten ihren Zweck, decken sich aber nicht annähernd mit der Wirklichkeit und verleiten den unkritischen Betrachter zu einem verzerrten und damit letztlich falschen Weltbild.

Mathematiker haben an diese Fragestellung anknüpfend bereits viele gelehrsame Berechnungen angestellt, die sich aber meistens nur im Rahmen statistischer Methoden erschöpfen. Es wird mit statistischen Häufungen zu bestimmten Epochen oder an großen Orten spekuliert, so dass die Wahrscheinlichkeit größer ist, zu einer Blütezeit zu leben als in schlechten Zeiten, doch wen das Los traf, für den hat das keinen Belang. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit im Lotto zu gewinnen gering ist, es kommt dennoch vor und für den Gewinner ist dies dann die Realität. Ähnliche Wege geht die Doomsday-These, die gar von der Eigenexistenz auf die Gesamtzahl aller Menschen in Zeit und Raum sowie deren Zenit und Aussterben schließen möchte.

Auch hilft der Gedanke nicht weiter, dass man halt das Produkt einer konkreten Konstellation ist und man zu einer anderen Zeit nicht hätte existieren können, denn dann wäre man ja ein anderer. Die Grunderkenntnis aus der modernen Weltenkarte, nämlich die unermessliche Zeit, die zur Verfügung steht, der nicht im Ansatz begreifbare Raum und die schier unendlichen möglichen Einflüsse, die gerade zu mir, also dem aktiven Betrachter geführt haben, setzen die Wahrscheinlichkeit, dass es mich gerade jetzt gibt, dass ich nicht erst in Äonen entstehe, dass es nicht gerade die Zeit der Römer ist oder das Kambrium, faktisch auf null. Betrachten wir die Karte und uns selbst auf diese Weise, kann es uns (eigentlich) nicht geben.

Die Erfahrung eigener Vergänglichkeit

Wenn also die wissenschaftliche Durchdringung des Kosmos nicht ausreicht, die Frage der eigenen Existenz zu beantworten, sollte man den Spieß dann nicht umdrehen? Sollte man nicht vom eigenen Ich ausgehen, ohne dass es gar keine Wissenschaft, kein Erkennen und Bewerten geben kann?

Während die Wissenschaft alles auf einen Zeitstrahl ordnet, in dem es eine kausale Abfolge von Ereignissen gibt, die jedes für sich betrachtet Vorgänger und Nachfolger hat, ist die Selbsterfahrung weniger griffig. Die Gegenwart verrinnt permanent, sobald man sie greifen möchte, ist sie bereits Vergangenheit und die Zukunft bleibt ein abstraktes Konzept, solange sie noch nicht eingetroffen und zur Vergangenheit mutiert ist.

Hinzu kommt das eigene Erleben, welches nicht statisch an einem Zeitstrahl entlang läuft, sondern permanent auch durch den Verfall gezeichnet ist. Liebgewordene Erfahrungen, vor allem Menschen, mit denen wir Wege gemeinsam gehen konnten, ändern ihr Verhalten uns gegenüber, verschwinden aus der Sicht, oder sterben gar. Auch an uns selbst erfahren wir Verfall. Krankheit, Verlust und Vergessen zeichnen unsere Gegenwartserfahrung, aus der wir oft sehnsüchtig auf die Vergangenheit blicken und hoffend oder bangend in die Zukunft.

Aus dem Vergehen der Welt um uns herum ist es ein Leichtes, auf die eigene Vergänglichkeit des Daseins, auf unser eigenes Ende zu schließen. Fragen wir uns aus dieser Perspektive, was es mit dem „Jetzt“ auf sich hat, ob es ein „Ich“ auch dann noch gibt, wenn die Erfahrung des Verfalls ihren Höhepunkt überschritten hat, ob es mich vielleicht sogar schon vor meiner Erinnerung gegeben hat, dann tun wir das weniger aus wissenschaftlicher Neugier, um unser Leben zu kartographieren, sondern aus der Frage nach dem Sinn. Wir wollen wissen, ob es eine Bewandtnis damit hat, dass wir im Hier und Jetzt und Überhaupt existieren – und wenn, welche Folgen das für uns hat.

Die immanente Karte zur Transzendenz

Wir werden uns an den eigenen Haaren nicht aus dem Sumpf ziehen können. Weder durch eine genaue Vermessung der Schöpfung, noch durch eine Fixierung auf die eigene Vergänglichkeit, egal ob wir ihr einen Sinn geben oder der Frage auszuweichen versuchen. Von einer immanenten Erkenntnis, die Antwort auf alle sich stellenden Fragen gibt, ist nicht auszugehen.

Dennoch haben wir ein Werkzeug. Uns liegt eine Karte vor, der wir uns nur schwer entziehen können, auf die wir immer wieder zurückfallen, auch wenn wir sie in ihrer Tragweite oft nur ansatzweise und für wenige Momente erhaschen. Der Schlüssel, mit dem wir sie uns erschließen können, wurde bereits angesprochen: Es ist die Fähigkeit zur Bewertung, zur ethischen oder auch ästhetischen Klassifizierung.

Dass wir in der Lage sind, den Elementen in ihrem Zusammenhang Sinn zu verleihen, dass wir durch unsere Beobachtung intuitiv und prägend werten, ist etwas Neues im Universum. Durch unser Erscheinen sind Konzepte wie Verantwortung, Reue oder auch Schuld in die Welt gekommen. Wir wissen um Gut und Böse, auch wenn wir es im Detail nicht immer korrekt benennen können und mit dieser Erkenntnis weisen wir über die rein kausalen Zusammenhänge der Physik hinaus.

Wo wir dieser unserer Fähigkeit nachgehen, verlassen wir die breiten Wege technisch-funktionalen Denkens und erkennen, dass es etwas Größeres gibt, an dem wir auf eine geheimnisvolle Weise teilhaben dürfen. Erst wenn wir in diesem Sinne vorsichtig vorangehen und unsere Sinne für das Transzendente schärfen, entdecken wir Schritt für Schritt die Karte, die nicht nur einen konkreten Nutzen verspricht, sondern aus dem scheinbaren Zufall unserer irdischen Existenz heraus auf unser eigentliches Zuhause verweist.

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

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