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Harmonie und Ästhetik waren ihr immer besonders wichtig. Sie war ein guter Mensch, und dass man das auch von außen her sah, darauf legte sie viel wert. Sie war freundlich, zurückhaltend, ließ anderen gern den Vortritt und genoss es, andere zu beschenken weit mehr, als selbst etwas zu empfangen. Wären andere nur ein bisschen mehr wie sie, dann wäre schon viel erreicht, dachte sie sich häufig.
Auch äußerlich war ihr Auftreten von Sorgfalt geprägt. Sie war reinlich, alles hatte seinen Platz und nichts stand ohne Grund irgendwo im Raum. „Ordnung ist das halbe Leben“ war der Leitsatz, auf den sie einen Großteil ihrer Lebensphilosophie stützte. Unordnung bedeutete Chaos: die unausweichliche Anhäufung von mehr Unordnung in Folge, zunehmend dann auch Schmutz, Zerstörung und entweder mehr Arbeit, oder aber ein völliges Entgleiten.
„Wehret den Anfängen“ kam darum als Motto gleich hinten an, oft direkt in Kombination. Und das tat sie.
Sie arbeitete als Sachbearbeiterin im Personalwesen und sortierte Bewerbungen, Einladungen und Absagen. Kürzlich war ihre Abteilung in ein anderes Stockwerk gezogen, was ihr mehr Probleme bereitete, also sie sich erlaubte, zuzugeben. Zwar kannte sie dortige Mitarbeiter meist vom Sehen, aber letztlich waren sie ihr fremd. Statt der langjährig aufgebauten Routine, den gewohnten Begegnungen auf dem Flur, dem Wissen, mit wem sie auf einer Wellenlänge reden konnte und wo sie vorsichtig sein musste, sah sie sich nun mit wochen- oder monatelangem Taxieren, mit neuen Fettnäpfchen und hartnäckigen Gewohnheiten der vorhandenen Belegschaft konfrontiert.
Vor allem aber, und das war beileibe keine Kleinigkeit, musste sie Ordnung im Gemeinschaftsraum etablieren. Gläser, Kaffeetassen und Teller türmten sich auf einem Beistelltisch, denn scheinbar fühlte sich niemand verantwortlich, sein Geschirr nach Gebrauch zeitnah zurückzubringen, in die Kantine aus der es in aller Regel stammte. Mit den Getränkekisten verhielt es sich ähnlich: Die Firma stellte gratis Wasser zur Verfügung, man musste es aus der Kantine kistenweise abholen und zurückbringen. Folglich stapelten sich Kisten mit Leergut sowie vollen und leeren Flaschen gemischt in einer Ecke, bis sich mal wer erbarmte, ein paar Jungs zusammentrommelte, die sortierten und die leeren Kästen zurückbrachten.
Das musste doch einfacher gehen, denn so konnte es auf keinen Fall bleiben.
Sie gestaltete zuerst einen liebevollen Zettel mit Herzchen und warb für Verständnis.
„Bitte seid so nett und bringt Euer Geschirr wieder zurück in die Kantine.“ Und bunt verziert: „Lieben Dank!“ Doch der Erfolg blieb aus. Es gab ermutigende Worte, eine Kollegin bedankte sich für ihr Engagement und offenbarte ihr, dass ihr die Unordnung auch schon länger ein Dorn im Auge sei. Doch das war’s, an der Situation änderte sich nichts.
Also fragte sie. Nebenbei, beim Kaffeemachen. Die meisten drucksten etwas herum, gelobten, sich zu bessern und ihre Sachen wegzubringen, ein paar fingen auch an, ihre Tassen und die von Kollegen aufzuräumen, doch es gab auch Widerspruch!
Man könne die Leute nicht alle dazu bringen, ihr Verhalten zu ändern, besser sei es doch, Kisten oder Wagen hinzustellen, wo jeder sein Geschirr drin verräumen kann und abends jemanden aus der Küche durch die Etagen gehen zu lassen um die Behälter auszutauschen. Solche Vorschläge machten sie ärgerlich. Soweit kommt’s, dass man die Faulheit und Unordnung durch zusätzliche Aufgaben des Küchenpersonals kompensiert. Das ist ja wie Öl ins Feuer gießen!
Doch so richtig erfolgreich war sie letztlich nicht. Trotz der Mithilfe Einzelner gab es immer wieder Berge an Geschirr, denn wo einer eine Tasse zurückließ, schlossen sich gleich weitere Kollegen an und türmten einen Berg auf. Es brauchte eine bessere Strategie. Etwas Offizielles, etwas, worauf man sich vor Drückebergern berufen konnte.
Offen konnte sie das Thema nicht ansprechen und natürlich wollte sie auch nicht namentlich für ihr Ziel in Erscheinung treten, es musste unterschwellig geschehen, denn wer weiss, wie sich die Geschichte entwickelt und unbeliebt wollte sie sich ja auch nicht machen. Da kam ihr die Idee mit dem Frauenclub. Alle vierzehn Tage trafen sich engagierte Frauen zu einem Unterstützungskreis, denn in der von Männern dominierten Arbeitswelt war jede Hilfe wichtig; das begann bei Kleinigkeiten wie der Einarbeitung und reichte bis zu brisanten Fällen, wie Mobbing.
Ihr Anliegen wurde dort auch gleich positiv aufgenommen. Derzeit war es thematisch eher ruhig und die Idee für mehr Ordnung zu sorgen, war etwas, wofür man sich guten Gewissens einsetzen konnte. So wurden Ideen gesammelt, bessere Hinweisaushänge erarbeitet und der Plan auf die Gemeinschaftsräume aller Stockwerke ausgerollt.
Um das Projekt „Clear Lounge“ nicht nur auf den engen Kreis beschränkt zu halten, überlegte man, wen man in der Belegschaft noch ansprechen könne. Natürlich kamen zuerst jene in Frage die bereits bei den ersten Aufforderungen hilfreich waren.
Die Ausweitung war ein voller Erfolg. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende war von der Idee so angetan, dass er breite Unterstützung anbot und von da an ging alles wie von alleine. Nach etwa einem Monat erließ die Geschäftsleitung persönlich Anweisung, dass die Gemeinschaftsräume sauber und aufgeräumt zu halten seien, was schließlich weitestgehend funktionierte. Und wo es nicht funktionierte, hatte man ja mittlerweile eine Struktur williger Helfer, die freundlich und bestimmt auf jene einwirkten, die halt etwas länger brauchen.
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