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Man kann sich dem Werk Tolkiens nicht nähern, ohne auf die theologischen Implikationen einzugegen. Eine rein säkulare Sicht oder gar die Beschränkung seiner Welt auf Kulissen für Fantasy-Abenteuer und Spiele greift zu kurz und das möchte ich gern am Beispiel Tom Bombadils aufzeigen.
Auf Ebene der äußeren Betrachtung des Handlungsstrangs oder für eine Analyse der Eigenheiten Mittelerdes, trägt die Tom-Bombadil-Episode im „Herr der Ringe“ nichts Wesentliches bei. Drei Kapitel in einem langen und mächtigen Epos, für sich derart gekapselt, dass man beim Drehbuch für eine vielgelobte Filmadaption unberührt drüber hinweggehen konnte, eine kurze Seitenerzählung die der Autor vermutlich nicht ganz ernst gemeint haben kann, die vielleicht nett geschrieben ist, aber ansonsten kaum der Rede wert, ausgerechnet diese häufig gar als unpassend angesehene Erzählung, ist dennoch immer wieder Thema intensiver Debatten.
Selbst Tolkien sah sich zu Lebzeiten bemüßigt, Theorien, die sich um seine Figur rankten, zu widersprechen. Für ihn war Bombadil eine blaue Ankleidepuppe aus Holz mit roter Feder am Hut, für seinen Sohn Michael. Dieser, so heisst es, wollte sie einmal in der Toilette entsorgen, der Vater aber rettete sie und widmete ihr Gutenachtgeschichten für seine Kinder, aus denen der Sammelband „Die Abenteuer des Tom Bombadil“ entstanden, ein Werk das mit seinen Geschichten über Mittelerde so gar nichts gemein hatte.
Wie es Tom dann doch schließlich in den „Herr der Ringe“ geschafft hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben; klammheimlich, vermutlich, und völlig unbeschwert. Aber keinesfalls ohne tieferen Sinn.
Ich weiss, die Theorien über Bombadil sind alle bereits X-fach rauf und runter gebetet worden und für jede Erklärung gibt es hunderte Entgegnungen, doch das sollte niemanden abhalten, sich seine eigenen Gedanken zu machen und wenn schon, vielleicht auch das tausend-und-einte Mal etwas auszuformulieren, was Vorgänger bereits detaillierter und widerspruchsfreier zu sagen vermochten. Hier darum, bevor ich zum Wesen dieser wohl mysteriösesten Gestalt im Tolkienunversum komme, erst einmal meine Ansicht zum Sinn der Episode im Roten Buch der Westmark.
Die Episode
Im Alten Wald und in den Hügelgräberhöhen findet im Sinne eines Pre-enactments eine Verdichtung der Gesamterzählung statt, die wie ein Mikrokosmos fungiert und so die thematische Blaupause des gesamten Werkes darstellt:
Der Alte Wald steht für den Verfall, für die verdorbene Natur, wie wir sie im Düsterwald oder zum Teil auch in Fangorn finden. Der Alte Weidenmann ist eine Vorschau auf die baumisch gewordenen Huorns, die Gefahr, die in der Natur lauert. Die Hobbits werden so direkt neben dem traumhaften Auenland in die dunkle Mythologie Mittelerdes eingeführt, in der sich das Böse ausbreitet und hinter jedem Schritt eine Gefahr lauern kann.
In Bombadils Haus wird Frodo mit der Versuchung durch den Ring konfrontiert. Diese Probe besteht er mit Toms Hilfe, was ihn früh schon auf seine späteren inneren Kämpfe vorbereitet. Interessant ist dort auch der Traum Frodos, in dem er nicht nur Gandalfs Gefangenschaft auf dem Orthanc gezeigt bekommt, sondern gleich schon das positive Ende der Erzählung vorweggenommen wird, wo Frodo von den Grauen Anfurten gen Valinor segeln wird.
In der Begegnung mit den Grabunholden kann man nicht nur durch den Schwertfund, ohne den Merry den Hexenkönig von Angmar nicht hätte verwunden können, eine Vorahnung auf die Auseinandersetzungen mit Saurons Hexerei und den Nazgûl erkennen. Die dunkle Magie korrumpiert die Natur, erzeugt Angst und Beklemmung, sie greift nach Macht und Kontrolle, verdunkelt die Welt, während Bombadil das genaue Gegenteil ist, er ist Beobachter, ein fröhlicher Zeitgenosse, steht ausserhalb des Machtgefüges und hat für die irdischen Belange nach Unterdrückung keinen Sinne.
Insofern gibt diese Episode ganz zu Beginn des Abenteuers einen Einblick in die moralische Grundfrage des „Herr der Ringe“: den Umgang mit Macht. Er zeigt, dass Abbild eines paradiesischen Daseins inmitten einer korrumpierten Welt und weist darauf hin, wofür die Hobbits mit ihren Helfern überhaupt kämpfen. Es geht nicht nur darum, einen Krieg abzuwehren, Schlachten zu bestehen, sondern dem ungezügelten Willen zur Macht etwas entgegen zu setzen, nämlich die Unbeschwertheit der Hobbits, die in diesem Punkte Tom Bombadil so ähnlich sind. Gerettet werden sie letztlich eh durch die Eukatastrophe, die plötzliche und unerwartete Wendung zum Guten; egal ob im Ringkrieg durch die Adler oder aus den Hügelgräbern durch Tom Bombadil.
Deutung
Nachdem ich für den aufmerksamen Leser bereits ein paar Andeutungen über meine Ansicht zum Wesen des Tom Bombadil gemacht habe, lasse ich die Katze nun aus dem Sack: Bombadil ist nach meinem Dafürhalten eine Inkarnation von Eru.
Ja, natürlich ist mir bekannt, dass Tolkien dem explizit widersprochen hat und das ist auch ganz verständlich, war Bombadil für ihn ja immer auch noch die Holzpuppe, die sein Sohn entsorgt hatte. Als familiär Befangener darf man darum, bei all der Expertise, die man Tolkien zu Mittelerden nun wahrlich nicht absprechen kann, seine Statements, u.a. in den Briefen, nicht überstrapazieren. Schließlich ist das Rote Buch der Westmark ja nicht aus seiner Feder entsprungen, er hat es ja auch „bloß“ erhalten. Geschrieben haben es soweit ich weiss zwei Hobbits, und zwar vor undenkbar langer Zeit.
Wenn ich nun schon Tolkien nicht glaube, wie sieht es dann mit den Zeitzeugen aus? Was ist mit der Ansicht Gandlafs und Elronds, Tom würde den Ring nicht ernst genug nehmen und er wäre bei ihm darum nicht sicher? Haben wir von ihnen nicht erfahren, dass sich die Macht des Bombadils nur noch auf jenen kleinen Flecken Erde am Alten Wald beschränkt und dass, wenn alles andere fällt, auch er fallen wird, als Letzter, wie er der Erste war? Nun, auch hierzu ist zu sagen, dass dies die Meinung der genannten Personen war. Gewusst haben, konnten sie es kaum und als Einschätzung können sie genauso falsch liegen wie Sie, werter Leser, oder ich.
Kommen wir aber nun zum angekündigten theologischen Teil. Als Gegenposition könnte man einwenden, dass Tolkien als Katholik nur eine einzige Menschwerdung kennt, die Inkarnation des Jesus von Nazareth, und dass es für einen gläubigen Katholiken, der immer genau darauf geachtet hat, dass sein Werk keinen grundsätzlichen Glaubensinhalten widerspricht, völlig absurd wäre anzunehmen, er würde den allmächtigen Gott als eine Art Karrikatur oder Fabelwesen unbedarft durch Mittelerde spazieren lassen.
Andererseits aber greift Ilúvatar mehrfach aktiv in die Geschichte ein: Bei der Beseelung der Zwerge, dem Untergang Númenors oder als Gandalf aus Mandos zurückgeschickt wurde. Eine permanente Inkarnation aber ist von anderer Qualität und die muss tiefer im Gottesbild verankert sein. Die bloße Demonstration der Möglichkeit punktuell einzugreifen reicht da nicht aus und genau das ist im christlichen Gottesbild gegeben! Indem der christliche Gott als Synonym für Liebe in sich relational sein muss, kommt auch Eru nicht umhin, mindestens als Binität zu existieren. So wie er im Paradies zugegen war, kann er auch in Mittelerde zugegen sein, ist aber den Zwängen einer gefallenen Welt dort nicht ausgeliefert.
So muss es kein Zufall sein, wenn Goldbeere ihn als „Er ist“ bezeichnet, als Frodo sie fragt, wer Tom sei. Das entspricht exakt der biblischen Selbstbezeichnung Jahwes. Er selbst nennt sich der Älteste und er war schon da, bevor der erste Regen fiel oder vor der Dunkelheit, also letztlich vor den Valar und deren Ausgestaltung Ardas. Dass der Ring als irdisches Artefakt der Macht auf ihn keine Wirkung zeigt, passt ebenso ins Bild.
Gehen wir dem Gedanken noch ein wenig nach. Der Schöpfungsgrund des christlichen Gottes ist die überströmende Liebe, nicht aus Notwendigkeit. Da die Menschwerdung als Erlöser noch in weiter Zukunft liegt, könnte man sich vorstellen, dass es die Liebe zu seiner Schöpfung wie zu den Geschöpfen ermöglicht, sich zurückzunehmen, eine Kenosis, um die Schöpfung durch seine unendliche Herrlichkeit nicht zu erdrücken, sich aber als Mit-Geschöpf an ihr zu erfreuen.
Auf diese Weise würde er zwei auch biblische Ansätze verbinden: den Logos-Aspekt, denn nach Johannes 1 war das Wort bereits im Anfang. Toms Sprache würde dazu bestens passen, da er fast ununterbrochen singt. Er spricht nicht bloß, seine Sprache ist im Versmaß verfasst, er befiehlt dem Weidenmann und dem Grabunhold und bezwingt durch seinen Gesang das manifestierte Böse. Im Gegensatz zum Messias, der mit denMenschen leidet um zu erlösen, wäre Bombadil eher ein paradiesischer Logos, ein Relikt aus der Zeit vor dem Sündenfall, wo Freude an den Namen und Formen im Vordergrund steht und noch nicht die Erlösung. (Hier mag der Schlüssel auch für Toliens Zurückweisung dieser Interpretation liegen, denn die Implikationen in Bezug auf seinen Kunstmythos auf der einen Seite und dem realen Heilsgeschehen auf der anderen, sind hier nicht zu unterschätzen und vermutlich hat sich Tolkien nicht im Stande gesehen, das bis ins letzte aufzulösen.)
Der andere biblische Aspekt, der in diesem Gottesbild zum Tragen kommen könnte, wäre der Ruach-Aspekt: der Lebenshauch und die Freiheit. Ruach ist im AT die dynamische, ungreifbare Präsenz Gottes. Auch Tom ist letztlich nicht greifbar. Er kann nicht kontrolliert werden und befindet sich in seiner völlig eigenen Spähre. In Psalm 104 ist vom Odem die Rede, der die Schöpfung erhält, genau wie Tom dem Verfall im Alten Wald Einhalt gebietet.
In der hebräischen Tradition sind Logos und Ruach eng verbunden. Ein Wort kann ohne Atem nicht gesprochen werden, beides ist von Anbeginn vorhanden, wirkt in der Welt und lässt sich nicht von irdischen Konstrukten, von Ringen der Macht und anderen weltlichen Befindlichkeiten formen oder unterdrücken. Vielleicht kann man mit dem Gedanken dieser beiden in Verbindung auch dem Problem einer vorzeitigen „Menschwerdung“ entgehen, die dem historischen Christus vorbehalten bleibt. Tom Bombadil wäre so der Hauch Gottes, der sich ein Lied singt, der Schöpfergeist der in seiner Schöpfung spazieren geht und gegenwärtig ist, jenseits der Weltgeschichte von Verfall, Krieg und Erlösung.
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