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Dummheit oder andere Weltsicht?
Immer häufiger muss man sich die Frage stellen, ob politisches Handeln schlicht der Unwissenheit über historisch längst erkannte Zusammenhänge entspringt, ob simple Einsichten über das Wirtschaften, menschliche Egozentrik, Grundbedürfnisse von Kindern, Familien, Alten und Kranken oder über ganz allgemeine Konventionen des Anstands nicht mehr bekannt sind, oder ob die Missachtung traditionell als natürlich empfundenen Regelungen einer Logik entspringt, einer neuen völlig anderen Art zu denken und die Welt zu begreifen und zu gestalten.
Der dauernde Verweis auf die sogenannten westlichen Werte, die angebliche Verteidigung der Demokratie, das Hochhalten der Menschenrechte und die vielen moralisch so anspruchsvoll klingenden Forderungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier nur um Beteuerungen handelt: um Worte, mit denen man eine Kontinuität und dadurch eine Legitimation heraufbeschwört, die dem versprochenen Inhalt aber längst nicht mehr gerecht wird. Im Grunde sind mittlerweile alle Kernbegriffe, die man zu verteidigen vorgibt, neu definiert worden. Sie klingen alt und vertraut, beschreiben aber völlig neue Konzepte und Sachverhalte. Mittlerweile hat das sogar der Volksmund erkannt, weswegen man immer häufiger den Vorwurf einer orwellschen Sprachverdehung, dem sogenannten „Neusprech“ liest.
Wenn man dieser Neuausrichtung keine bloße Dummheit unterstellt, muss es eine ideologische Grundlage für all die Änderungen geben. Ein neues Weltbild, egal ob man es Ideologie oder Religion nennt, schafft neue Erklärungsmuster und setzt sich von der übermittelten Tradition ab. Die einfachste Möglichkeit, sich zu emanzipieren, ist eine Übernahme der vorhanden Ordnung, inhaltlich invertiert. Das Übernommene schlicht ins Gegenteil zu kehren, aus Gut Böse zu machen und dies intellektuell als Hinterfragung verkrusteter Strukturen zu bezeichnen, ist sowohl unkompliziert und liefert gleich eine Rechtfertigung mit, denn wer möchte schon alten Filz verteidigen.
Ob sich das Neue oder das Alte als besser erweist, muss sich allerdings erst zeigen. Etwas ist ja nicht gut, weil es neu ist, und es ist nicht schlecht, weil es alt ist. Abgesehen von einer inhaltlichen Umkehr muss es da schon mehr geben, denn erst einmal konkurrieren neue und alte Weltanschauung in derselben Gesellschaft, müssen also erst einmal zeigen, welche Konzepte besser funktionieren und auch wenn ein Konzept vordergründig als neu erscheint, so heißt das nicht, dass ähnliche Vorstellungen nicht schon unzählige Male ausprobiert wurden und evtl. auch gescheitert sind.
Natur über Mensch
Beginnen wir mit einer leicht als religiös erkennbaren Ansicht. Im Christentum gilt der Mensch bekanntlich als Krone der Schöpfung, als Ebenbild Gottes, dem die Schöpfung anvertraut wurde. Heute, wo man vergessen hat, dass zur Herrschaft primär die Verantwortung gehört, für das, was einem anvertraut wurde, kann man eine solche Position leicht als anmaßend darstellen. Indem man auf die Eigenart des Menschen hinweist, der sich seinen Lebensraum aktiv gestaltet und nicht wie die übrige Natur auf eine ökologische Nische angewiesen ist, kann man leicht aufzeigen, wo die Umgestaltung der Natur zu Problemen geführt hat, wo der Mensch seiner Verantwortung also nicht gerecht geworden ist.
Der Hinweis auf Erfolge wird dabei unterlassen. Dass wir mittlerweile nicht nur für uns, sondern auch für viele Tiere und Pflanzen Lebensräume schaffen und er halten können, die im Laufe der Natur ansonsten verloren gehen würden, dass wir mit unserer Technologie viele Gefahren und Schrecken einer wilden Natur entschärft haben, das würde nicht ins Muster passen: Der Mensch wird als größter Schädling in der Natur hingestellt, seine bloße Existenz scheint die Natur zu gefährden, wenn nicht gar zu zerstören.
Die neue Ideologie setzt also nicht darauf, den Menschen zu fördern, sein Empfinden für Ethik und Ästhetik zu nutzen, um die Natur weiter zu veredeln und zu pflegen, sie versucht das Gegenteil: den Menschen in seiner Entfaltung einzuschränken und die Natur vor ihm zu schützen.
Nicht wenige der neuen Vorschriften, viele Forderungen und Mahnungen haben das Bild vom Menschen als grundsätzliches Übel, welches, wenn man es schon nicht aus der Welt räumen kann, so dennoch einschränken muss als Grundlage. Dass die Verfechter einer solchen Ideologie selbst Menschen sind, dass sich der Mensch als Teil der Natur letztlich in die großen Katastrophen der Natur auch nur einzureihen vermag, er aber im Gegensatz zu anderen Geschehnissen wenigstens die Möglichkeit hat, sein Handeln zu reflektieren und zu verbessern, das alles spielt, wenn überhaupt, bestenfalls eine untergeordnete Rolle.
Die Vorstellung vom Menschen, den man mit Regeln und Verordnungen einzudämmen hat, der zu überwachen (besser noch zu kontrollieren) ist, ist gerade für Menschen, die Positionen mit Macht über andere besitzen, äußerst verlockend. Gleichzeitig kann man den Betroffenen immer wieder anschauliche Beispiele vom Schaden bringen, den Menschen allein durch ihre Existenz verursachen, selbst wenn man für diese eigenhändig gesorgt hat.
Aus dem Schutz der Natur für den Menschen ist so ein Schutz der Natur vor dem Menschen geworden.
Überwachung
Es wurde ja bereits in Bezug auf das Menschenbild erwähnt. Wenn der Mensch ein Fehler in der Natur ist, so ist das Beste, was man tun kann, ihn möglichst vollumfänglich zu überwachen, um eine frühzeitige Schadensbegrenzung einleiten zu können.
Das Thema an sich ist nicht neu. Jeder Staat ist bestrebt, seine Bürger bestmöglich zu kennen, ob man das nun Überwachung nennt oder mit Euphemismen (Demokratiefördergesetz, Netzwerkdurchsetzungsgesetz, Datenschutzgrundverordnung …) umschreibt. Neu ist heute vor allem die Qualität, mit der so etwas möglich ist. Dabei ist der Staat nicht einmal die treibende Kraft, er ist eher so etwas wie der erste Nutznießer einer Technologie: ein „early adaptor“, wie es neudeutsch heißt.
Überwachung ist vermutlich das lukrativste Geschäftsmodell der großen Tech-Konzerne. Wenn Meta Augmented-Reality-Brillen anbietet und damit wirbt, dass man im Vorbeigehen Gesichter erkennen kann, um die wichtigsten Informationen eines Gegenübers direkt zur Hand zu haben, dann wird es den ein oder anderen eher gruseln, als dass er zum Kauf animiert ist. Andererseits wird ebendieser potentielle Kunde sich kaum etwas dabei denken, seine privaten Urlaubsbilder mit einem der großen Cloud-Dienste zu synchronisieren.
Natürlich sind die staatlichen Organisationen, auch wenn sie vielerorts zeigen, dass sie mit modernen Technologien eher fremdeln, mit deren Möglichkeiten zur Kontrolle von Geldflüssen und Kommunikation durchaus vertraut. Unter dem Deckmantel der Kriminalitätsbekämpfung wird immer wieder versucht, Freiheitsrechte, die bis dato als unangreifbar galten, auszuhebeln. War das Briefgeheimnis früher heilig, möchte man heute in Chats mitlesen. Behauptet man, zum Schutz von Kindern Altersbeschränkungen im Internet einzuführen, schickt man sich an, Konzepte einzuführen, die allen Nutzern altersunabhängig eine Alterslegitimation aufzuzwingen, mit der man dann am besten auch gleich eine Klarnamenspflicht verbindet.
Hieß es früher einmal im Volkslied: „Die Gedanken sind frei…“, so kommt man schwer umhin festzustellen, dass wir sowohl von der Technologie her gesehen, als auch aus der Perspektive unserer Obrigkeit von Wunsch und Wirklichkeit einer Gedankenpolizei nach orwellschem Vorbild gar nicht weit entfernt sind. Vom Anspruch der Demokratie, für den Bürger transparent zu sein, dem Bürger die Kontrolle über die Regierung zu geben, ist wenig übrig geblieben. Und ganz plastisch: Wer verbindet mit der Polizei heute noch das Bild vom Schutzmann?
Staatliche Drohkulissen
Die dauerhafte Überwachung einer Bevölkerung kann nicht allein mit Technik aufrecht erhalten werden. Es muss auch Mechanismen geben, die den Bürger anhaltend dazu bringen, gegen die staatlichen Maßnahmen nicht zu rebellieren, sie im besten Fall sogar selbst zu wünschen. Dabei reicht der Hinweis auf Sicherheit durch Kriminalitätsbekämpfung längerfristig nicht aus, insbesondere wenn der Staat an anderer Stelle das Gefühl aufsteigender Unsicherheiten bis hin zur Angst vor wachsender Kriminalität nicht ausreichend zu unterdrücken vermag.
Neu ist auch das nicht. Höllenmalereien, wie wir sie beispielsweise von Hieronymus Bosch kennen oder literarische Ausschmückungen wie wir sie in Dantes Göttlicher Komödie vorfinden, haben auch zu ihrer Zeit versucht, Menschen durch angstmachende Szenarien zu gewünschtem Verhalten zu bewegen.
Heute kennen wir das in etwas wissenschaftlicher wirkender Verpackung als Angst vor Krankheit und Ansteckung oder vor menschengemachten Umweltkatastrophen, die natürlich allein durch staatlich verordnetes Verhalten, gepaart mit Abgaben die selbst als Steuern ihre Nähe zum Ablasshandel nur schwer verleugnen können, zu bewältigen sind.
Man erkennt auch hier das Muster. Die Struktur alter Rezepte wird beibehalten und mit neuen Inhalten gefüllt. Dabei kann man gleich mit auf die alten Formen schimpfen und den genannten Ablasshandel mitsamt der Kirche, als letzte verbliebene Organisation des alten Weltbildes, anprangern. Dass man selbst exakt dasselbe tut, ist aufgrund des modernen Anstrichs nur für weniger erkennbar.
Leben und Tod
Kommen wir noch einmal zurück zu einem religiösen Grundsatzthema, der Frage nach dem Tod. Zum Umgang mit der eigenen Sterblichkeit gibt es grundsätzlich vier Möglichkeiten:
Man ignoriert/verdrängt sie,
man sucht Trost in den Kindern und überlebt in deren Genen sowie dem weitergegebenen Wissen,
man schafft große Werke, um in deren Ruhm die Zeit zu überdauern,
oder man glaubt an ein wie auch immer geartetes Jenseits, sei es durch Wiedergeburt oder aber die weitere Existenz in einer anderen Welt.
Wie sich eine im Volk verwurzelte Religion oder Weltanschauung zu genau diesen Strategien im Umgang mit der Sterblichkeit der Menschen verhält, ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Erfolg der Gesellschaft. Hier entscheidet sich, ob Menschen bereit sind, sich über ihre eigene Existenz hinaus einzusetzen, ob sie Werke erschaffen, deren Vollendung sie selbst nicht mehr erleben werden und ob sie Kraft in den Aufbau einer gesunden Familie stecken.
Kurzfristig mag es gelingen, mit der Angst vor dem Tod als Drohkulisse zu spielen. Szenarien wie die bereits angeführten, können Menschen anspornen, sich für ein besseres Leben einzusetzen oder auch ihr Seelenheil zu retten, lange halten solche Motivationen aber nicht an, denn der Mensch gewöhnt sich an Bilder, insbesondere wenn er den Nutzen seiner Mühe nicht auch direkt erfährt. Ein Staat, der auf repressive Methoden zurückgreift, muss den Druck ständig erhöhen und läuft auch immer stärker Gefahr, eine Revolte zu provozieren.
Die Bilanz, die man aus der Vergangenheit ziehen kann, zeigt, dass vielleicht nicht alles optimal gelaufen ist. Es gibt aber durchaus Erfolge zu verbuchen. Zwar hat auch die Verdrängung eine nicht unwesentliche Rolle gespielt, Drogen (insbesondere der Alkohol) haben geradezu rituellen Charakter im Alltag wie im Brauchtum erlangt, aber der gesellschaftliche Fokus lag lange Zeit auf der Familie als Keimzelle der Gesellschaft, wo Eltern ihre eigenen Kinder aufzogen und bestmöglich auf das Leben vorbereiteten. Hierfür hatte der Staat eine Vielzahl an Freiräumen und Unterstützungen geschaffen, wohl wissend, wie wichtig Nachkommen für eine starke Gesellschaft sind. Ebenso ist der Fortbestand in Werken deutlich zu sehen. Freie Lehre wurde gefördert und ganz offensichtlich kann man an den großen, generationsübergreifenden Sakralbauten erkennen, wie stark sich der Glaube an ein Jenseits mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit im Werke gegenseitig befruchten konnten.
Heute werden auch hier andere Maßstäbe gesetzt. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod wird weitgehend als strategischer Selbstbetrug gewertet, man geht von einer rein auf das Diesseits bezogenen Existenz aus. Die Motivation, die aus der Hoffnung auf eine Belohnung nach dem Tod (oder auch auf die Angst vor einer ewigen Bestrafung) entspringt, fällt heute weg. Stattdessen wird mit dem Untergang der Welt noch zu Lebzeiten oder aber mit einem frühen Tod gedroht. Die Förderung der Familie scheint keine Priorität mehr zu haben, denn der Familienbegriff ist von der natürlich-biologischen Gruppe der Eltern, Kinder und gegebenenfalls noch den Großeltern zur beliebigen Gruppe jener hin verändert worden, die sich zu einer Lebensgemeinschaft zusammenschließen.
Heute scheint die höchste Priorität dem Hedonismus zu gelten. Dies zeigt sich wirtschaftlich beispielsweise am Stellenwert der Unterhaltungsindustrie: Die Umsätze, die mit Streamingdiensten, Computerspielen oder auch in Fußballstadien erzielt werden, stehen in keinem Verhältnis zu klassischer Produktion und erinnern fatal an das römische Motto „Brot und Spiele“. Ergänzt wird dieser Trend durch die Ausweitung des Drogenkonsums, begleitet durch das Versprechen schrankenloser sexueller Freizügigkeit. Betrachtet man dieses Konzept mit religiöser Brille, fühlt man sich unwillkürlich an alte Fruchtbarkeitskulte, wie man sie aus Naturreligionen kennt, erinnert. Überhaupt passt diese Art der atheistischen Fokussierung auf das aktuelle physische Dasein perfekt zur eingangs erwähnten Priorisierung der Natur vor dem Menschen: Auch die Natur kennt kein Jenseits, wirkt auf den Menschen im strengen Sinne hedonistisch und die Resultate eines solchen lethargischen menschlichen Verhaltens können auch immer wieder als Beispiel herangezogen werden, um auf die negativen Auswirkungen des Menschen auf seine Umgebung hinzuweisen.
Sie spielen Götter
Zum Hedonismus im Verhalten passt der Konstruktivismus im Denken. Wo es keine Götter gibt, die einem Einhalt gebieten, wo man sich materiell alles leisten kann, wo andere Menschen in ihren eigenen Welten derart gebunden und mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie für die eigenen Pläne keine Gefahr darstellen, kann man sich die Welt frei gestalten.
Kommt zum Hedonismus auch nicht eine Position der Macht hinzu, spielt gar nichts mehr eine Rolle. Warum sollte man sich mit physikalischen oder biologischen Gesetzmäßigkeiten aufhalten, wenn das Äußern einer Idee schon als Faktum reicht? Wozu etwas lernen, wenn man sich aus reinem Gefühl heraus viel bedeutungsvoller geben kann. Logik? Sowas ist toxische Maskulinität. Eine weibliche Politik benötigt das nicht, da können Länder schnell mal ein paar hunderttausend Kilometer weit entfernt liegen und Batterien aus Kobolden geschaffen werden. Wer hier auf physische Grundlagen verweist, hat einfach den Kern nicht verstanden. Es geht noch nicht um Geographie oder Mechanik, wenn man vom großen Ganzen spricht! Wer wird denn kleinlich auf Details achten, wenn man im Kopf (und vor allem auch im Gefühl) den großen Wurf plant.
Wer materiell alles hat, dem fehlen die Herausforderungen: mehr Macht, mehr Kontakte, sich in die Geschichtsbücher einschreiben und seinem irdischen Dasein vielleicht doch auf irgendeine Art Bedeutung verschaffen, irgendwann ist man all dem überdrüssig. Egal wie viele Menschen unter einem buckeln, es befriedigt nicht in dem Maße, indem es ärgert, das noch Menschen über einem stehen. So bleibt zum Ende noch die Flucht in Extreme. Ähnlich dem Antrieb von Extremsportlern, die ihre Grenzen immer weiter ausloten, sucht auch der Übersättigte nach immer extremeren Reizen um nicht völlig in die Leere der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins abzugleiten.
Wir kennen Derartiges von Herrschern, die sich als Götter sahen und anbeten ließen. Heute ist das nicht viel anders. Man lässt sich anbeten, auch wenn man das so nicht mehr nennt. Von Untergebenen wird absoluter Gehorsam erwartet, über den sich keiner ungestraft hinwegsetzen kann. Es wird ein eigenes Recht geschaffen, um selbst bei kleinsten Anlässen oder Kritik die Exekutive mit voller Macht auf Bürger hetzen zu können. Wer sich mit Reichweite gegen die Regierung wendet, sieht sich schnell politischer Verfolgung ausgesetzt und die Opposition wird grundsätzlich am ausgestreckten Arm verhungern gelassen.
Doch das ist nur der öffentliche Aspekt. Es gibt auch noch die menschliche Seite. Wer in einem solchen Staat lebt, das kann man sich leicht vorstellen, wird von sich aus wenig Antrieb verspüren, für die Obrigkeit an seine Leistungsgrenze zu gehen. Eher wird auch er dem Vorbild folgen und versuchen, für sich das größte Stück vom Kuchen zu erhalten und versuchen, ansonsten möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Wie sieht es aber mit den Mächtigen selbst aus? Ihr übersteigertes Selbstwertgefühl wird ja durch niemanden korrigiert und in Schranken gewiesen. Sie dürften sich schnell an ihren Status gewöhnen und vor allem darauf bedacht sein, diesen nicht mehr zu verlieren. Doch trotz aller materiellen Sorglosigkeit bleiben auch sie Menschen. Und Menschen sind sterblich. Sie leiden an Krankheit, körperlichem Verfall, seelischer Trostlosigkeit und an der Spitze ist es wortwörtlich sehr einsam. Echte Freundschaft, Liebe, Geborgenheit und die Gewissheit, von Familie und Freunden aufgefangen zu werden, dürfte dort eher selten sein. Stattdessen ist man auf sich selbst gestellt mit all seiner Angst, seinem Bewusstsein von Endlichkeit, aber eben auch seiner Macht. Nicht wenige Menschen werden in einer solchen Situation beginnen, ihre Macht auch persönlich an anderen auszuleben.
Der Fall Epstein und nicht wenige ähnlich gelagerte Vorkommnisse werden immer wieder durch die Medien getrieben, vorgeblich voller Erstaunen, wie es zu derartigem nur kommen kann und mit aller Verständnislosigkeit, die man angesichts der Verbreitung sowie der Taten selbst nur vorgeben kann. Dabei liegt es doch auf der Hand. Wer sich wie ein Gott fühlt, wer seine letzte Bestätigung aus der Macht über andere, bis hin zur direkten Gewaltausübung bezieht, wer sich in der Position wähnt, schrankenlos alles zu dürfen, der mag sich je nach Gemüt auch am direkten Leid, an dem Gefühl körperlicher Überlegenheit und absoluter Dominanz ergötzen. Es ist jene Schrankenlosigkeit, gepaart mit einem ungebändigten Sexualtrieb, der die archaische Natur des Menschen offenzulegen im Stande ist. Wo alle kulturellen Schranken gefallen sind, wo kein Funken von Gottesfurcht, von Ehrfurcht vor der Schöpfung, vor dem Menschen als Person geblieben ist, dort tritt das Böse unverblümt zu Tage und nicht ohne Grund haben genau diese Exzesse immer auch eine treffende Nähe zum Satanismus gezeigt. Wer die Werte des Christentums in ihr Gegenteil verkehrt muss sich über das Ergebnis in seiner Konsequenz nicht wundern.
Das kleine Ein- und Ausgabeproblem
Natürlich ist nicht jeder, der an Macht gekommen ist, gleichermaßen korrumpiert. Die meisten Menschen haben durchaus noch Grenzen, sind evtl. auch nicht ganz so radikal eingebunden in Kreise der schrankenlosen Willkür und haben noch ein Rest an humanistischer oder gar christlicher Sozialisation.
Dennoch kommt man nicht umhin zu sehen, dass auch unsere Politik in ihrer aktiven Gestaltung der Tagespolitik, in ihren Gesetzesvorhaben, den Äußerungen und Handlungen, weder Respekt vor ihren Untergebenen zeigt, noch auf deren oft konträren Wünsche eingeht. Personen wie der aktuelle Bundeskanzler Friedrich Merz sagt regelmäßig ganz offen, dass er die Bürger für faul hält, dass die Not im Lande nicht durch ihn oder seinesgleichen zu verantworten sei, sondern durch den fehlenden Einsatz der Menschen. Auch Gesetzesvorhaben wie die Reform des Krankensystems sprechen genau diese Sprache: Die Bürger arbeiten zu wenig und müssten zur Kompensierung der nicht ausreichenden Staatsmittel mehr Einsatz zeigen.
Sicher mag es stimmen, dass in einer Gesellschaft, in der die Ehelosigkeit zur Norm erklärt wird und Familien zunehmend an Rechten verlieren, die Bereitschaft Kinder in die Welt zu setzen, schwindet. Auch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass wenn Lobbyvereine mehr Rechte genießen als wertschöpfende Arbeit, Abgaben ständig ohne erkennbare Leistungen steigen, wenn Projekte wie die sog. Klimarettung, Milliarden verschlingen während unsere Bauern kaum mehr ertragreich wirtschaften können, dann ist es durchaus konsequent, wenn Arbeiter den Sinn ihres Einsatzes mehr und mehr hinterfragen.
Vor dem aufgezeigten philosophisch-ideologischen Hintergrund sind die Forderungen einer Regierungskaste, die sich selbst immer mehr Rechte zugesteht und der Bevölkerung vermehrt Grundrechte verweigert, durchaus nachvollziehbar. Es ist die Wichtigkeit der eigenen Person oder Idee, die jedes Mittel rechtfertigt. Solange man guten Gewissens, den Haushalt eines Staates in der Welt verteilt und sich nebenbei mit Großprojekten einen Namen macht, der einem einen positiven Platz in der Geschichte sichert, was soll da schon schiefgehen.
Der wahre Konstruktivist greift zu den Sternen. Was kümmert ihn das Gerede von der Machbarkeit? Diese meldet sich erst dann als Spielverderber, wenn es zu spät ist und wirklich alle Mittel erschöpft sind, denn auch der größte Idealismus ist letztlich auf die Möglichkeiten des physischen Daseins beschränkt. Und da man sich als Gottheit, wenn auch als ganz kleine, nicht nachsagen lässt, dass man falsch geplant, nicht ausreichend kalkuliert oder grundsätzlich unklug gehandelt habe, ist der Schuldige schnell gefunden. Unser Bundeskanzler wird nicht müde, es zu betonen oder durch Gesetzentwürfe mitzuteilen: Die Deutschen arbeiten zu wenig. Es gibt kein Problem mit den Ausgaben, die seine Regierung verantwortet, es gibt einfach zu wenig Einnahmen. Das Volk habe nun mal den Gürtel enger zu schnallen und sich einzusetzen, sonst …. ja – was sonst? Hier greifen dann die säkularen Druckmittel, denn durch die langjährige Zerstörung einer metaphysischen Bindung der Bevölkerung mit ihrem Staat ist von einem inneren Antrieb der Menschen zur Rettung politischer Luftschlösser nicht auszugehen.
Und nun?
Ich denke, es ist deutlich, dass die Situation verfahren ist. Auch wenn es von vielen nicht bemerkt wird, es findet seit vielen Jahren schon ein Kulturkampf statt und im Stillen hat eine Umdeutung aller Grundbegriffe des Christentums, wie sie in unserer Gesellschaft verankert waren, stattgefunden. Der tonangebende Volksglaube in Deutschland ist derzeit kein christlicher mehr, sondern eine Melange aus Naturverehrung mit marxistisch-sozialistischen Versatzstücken, insbesondere was die Bewertung der Wirtschaft angeht.
Es gibt Schlagworte wie „Fachkräftemagel“ oder „Gender Hours(oder Pay) Gap“, mit denen suggeriert werden soll, dass die Probleme der Wirtschaft, die sich mittlerweile auch bei den Steuereinnahmen des Staates bemerkbar machen, nicht auf die Politik zurückgehen, sondern im Gegenteil auf die fehlende Bereitschaft der politischen Agenda zu folgen.
Statt die Wirtschaft effektiv zu fördern, für eine stabile Infrastruktur zu sorgen, schlanke Prozesse und insbesondere in Hinblick auf moderne Zukunftstechnologien notwendige Grundlagen zu schaffen, bleibt man im Denken des letzten Jahrhunderts gefangen, als es primär darum ging, für die vorhandene Arbeit günstige Arbeiter zu finden, damit die Steuereinnahmen wieder fließen. Wie ein zukunftsfähiges Wirtschaftsmodell aussehen könnte, unter Berücksichtigung der Umwälzungen, wie sie durch Künstliche Intelligenz und Robotik zu erwarten sind, dazu erfährt man nichts.
Inhaltlich ist von Konstruktivsten naturgemäß wenig zu erwarten, nicht nur wirtschaftlich. Wo früher der Mensch im Zentrum stand, wo es um die Wertschätzung eines jeden Einzelnen ging, wird heute nur noch in Freund- und Feindschema gedacht: Gehörst du nicht zu uns, bist du draußen. Und draußen zu sein ist der neue Begriff für vogelfrei.
Es werden unter dem Deckmantel der Menschenrechte immer mehr Partikularrechte eingeführt. Es geht um Frauen, Kinder, selbst Tiere sollen „Menschen“rechte erhalten, denn der Gedanke von Universalität, der eines Allgemeinbegriffes wie „Würde“ oder gar „Liebe“ ist einem Denken, das stets nur um die eigenen Bedürfnisse kreist, vollkommen fremd. Doch genau darum ging es im Christentum.
Jeder Mensch ist von Gott persönlich berufen, seine Kräfte (die Bibel nennt es Talente) einzusetzen um die Welt ein klein wenig liebevoller zu gestalten. Es ist die persönliche Bindung gefragt, nicht die Reichweite. Es ist Verantwortung gefragt, nicht Autorität und Leitung. Es geht um die Frage, ob man verstanden hat, dass der Mensch etwas Heiliges ist, etwas, dass man eben nicht ohne Folgen misshandeln kann. Nicht für sich selbst und nicht für die Gesellschaft.
Und so lange wir das nicht verstehen, solange wir jedem Köder hinterherlaufen, den uns die Mächtigen zuwerfen, so lange werden wir in Knechtschaft bleiben. Freiheit und Neuanfang gibt es nur im Blick auf das Allerhöchste, auf den Keim der Ewigkeit, der in unseren Seelen ruht und langfristig jeden Konstruktivismus, jeden Eigennutz und jedes satanische Begehren überdauern wird.
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