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Der Mensch ist immer in Gruppen eingebunden. Von der Familie über die Verwand- und Nachbarschaft, über Vereine, größere Gemeinschaften bis hin zu Staaten oder gar der gesamten Menschheit: Überall finden wir Gruppen und sind eingebunden in soziale Netze.
Die Gruppe gibt Sicherheit und Identität. Wo wir nicht als Einzelne kämpfen können, sind wir als Gruppe stark und wenn wir verlieren, so ist es tröstlich, dass wir auch hier nicht alleine sind. Nicht zuletzt die Prägung, die wir durch Gruppen erfahren, zeichnet unseren Charakter, die Fähigkeit zur Einordnung, zum gegenseitigen Respekt, zur Unterstützung der Schwachen und dem Ausnutzen von Synergien.
Kurzum: Das, was wir heute unter Teamfähigkeit verstehen und was eine wesentliche Qualifikation in allen Räumen darstellt, ist nichts weiter als die Kompetenz, sich in Gruppen einzugliedern.
Aufgrund der Wichtigkeit sozialer Interaktion lehren wir Kinder schon früh, in unterschiedlichen Gruppen zurechtzukommen. Neben Kitas, Kindergärten und Schulen gibt es Vereine für Sport oder Freizeitgestaltung in jeglicher Art. So lernen wir schon früh, uns anzupassen und Respekt vor anderen Menschen zu empfinden. Zumindest denken wir das.
Tatsächlich geschieht aber noch etwas anderes, denn zumindest ein Teil lernt auch, die natürlichen Hierarchien einer Gruppe auszunutzen. Nur sehr oberflächlich kann man den Eindruck erhalten, in einer Gruppe befänden sich alle gleichberechtigt nebeneinander. Das ist aber mitnichten so. Jede Gruppe hat direkt und unbewusst eine hierarchische Gliederung, in der jedes Mitglied seinen festen Platz hat. Bei jedem Neuzugang oder vielen anderen Veränderungen werden diese Plätze neu verhandelt, insbesondere dort, wo stärkere Personen um die Führung ringen.
Ob man eine Gruppenleitung dabei außen oder innen verortet, spielt eine nebengeordnete Rolle, denn so oder so gibt es immer eine Führung der Gruppe, die straff organisiert ist selbst innerhalb der Postenverteilung einer klaren Ordnung folgt.
So weit, so gut.
Neben dem natürlichen Gruppenverhalten, der Einordnung, der man als Individuum nicht entgehen kann, zeigen sich im modernen Gesellschaftsleben aber auch immer mehr Probleme, die direkt oder indirekt auf unser Gruppenverhalten, bzw. unsere Integration in entsprechende Gruppen zurückzuführen sind.
Zum einen sorgen Gruppen für eine innere Dynamik. Neben dem Wir-Gefühl der Mitglieder müssen sich Gruppen immer auch von anderen abgrenzen. Ohne ein Außen, oder eine konkrete Definition, kann sich eine Gruppe nicht stabil entwickeln. Der Weg von dort zum Konkurrenten oder gar zum Feindbild ist nicht groß, wie wir im Sport, aber vermehrt heute auch in der Politik beobachten können.
Hinzu kommt, dass sich Individuen in Gruppen anders verhalten, als außerhalb. Es sind in der Regel unreife, aber nach außen stark wirkende Individuen, die außenstehende und Schwächere mobben. Sie können sich so beim Kampf um Ansehen vor anderen hervortun, denn viele der Eigenen verstecken sich hinter einem starken Redeführer, um selbst nicht in die Schusslinie zu geraten. Besonders wenn sich jemand charismatisch gibt oder seine Angriffe moralisch zu untermauern sucht, werden schnell alle Bedenken über Board geworfen: Die Gruppe hat immer recht, Verantwortung kann man ja auf andere verteilen.
Somit sind gerade die Gruppen, die im Ruf des Sozialen stehen und von denen viele intuitiv denken, dass sie die Persönlichkeit fördern, nicht selten Ursache für eine Unterdrückung der Entwicklung. Menschen, die sich ohne den Rückhalt anderer unsicher, vielleicht auch menschlicher zeigen, können im entsprechenden Umfeld zu geradezu dämonischer Stärke auflaufen.
Gesellschaftlich zeigt sich zudem ein deutlich größeres Problem.
Gruppen sind mittlerweile gehacked worden. Dieser Begriff aus dem Computer-Bereich trifft es wohl am besten. Bereits im 19. Jahrhundert hatte man viel beachtete Studien zum Gruppenverhalten angefertigt, auf die erstmals die Nationalsozialisten in großem Maßstab mit praktischer Anwendung aufbauten. Soziologie und Pädagogik, sowie die Beeinflussung großer Massen zu Marketingzwecken, haben seit dem nicht nur weitere Erkenntnisse gewonnen und vertieft, sie haben seitdem Menschen über drei Generationen hinweg als Spielfeld für die Manipulation durch gruppendynamische Prozesse missbraucht.
Kampagnen mögen heute noch nicht alle greifen, was hauptsächlich an den gegensätzlichen Interessen der Manipulatoren liegt, aber wo eine Initiative freie Bahn erhält, ist der Wille einzelner Mitglieder der Zielgruppe nicht mehr von Belang. Wir sehen das ganz offen in der Politik. Droht in einer Situation die vermeintliche Gefahr Einfluss zu verlieren, werden Bilder in die Welt gesetzt und unverzüglich sammeln sich Hunderttausende an Demonstranten, um mit medialer Begleitung die „Ordnung“ wieder herzustellen.
Für eine Demokratie ist das tödlich. Wo man einst angetreten war, die Meinung der Einzelnen über den den Kurs der Politik zu erfragen, um eine Legitimation für die nächsten Jahre zu erhalten, stehen heute Kampagnen gegeneinander, die versuchen, ihrer Lobby zum entsprechenden Erfolg zu verhelfen. Der Wille der Wähler ist eine Verfügungsmasse geworden und sagt nichts mehr über die Wünsche der Menschen aus.
Gruppenmanipulation ist der Schlüssel zum Erfolg großer Konzerne und bestimmter staatstheoretischer Ideologien. Die rituelle Befragungen sind zur Folklore geworden, bestenfalls haben sie noch den Effekt die Menschen zu beruhigen und ihnen nach einem ungewollten Ergebnis eine Argumentation zu liefern: Ihr habt es so gewählt.
Mittlerweile muss man misstrauisch werden, wo immer Menschen sich in Gruppen zusammentun um nicht nur offen für die eigenen Anliegen, sondern insbesondere für andere oder gar für eine bessere Welt, aufzutreten. Wo es um Reichweite und Einfluss geht, ist Vorsicht geboten. Etwas wirklich Gutes steht dort selten auf der Agenda.
Was wäre zu tun?
Demokratie herrscht dort, so heißt es spöttisch, wo in einem Verein immer 20 Leute wöchentlich abstimmen, dass ein und derselbe das Vereinsheim fegen soll. Das ist zwar nicht realistisch, aber das Beispiel macht es deutlich. Wir brauchen transparente Regeln, um Kampagnen einzugrenzen und vor der Öffentlichkeit aufzuzeigen, welche Initiatoren mit welchen Zielen und Mitteln auftreten.
Das Stichwort hier heißt Subsidiarität: Eine übergeordnete Instanz darf sich nur auf Wunsch der unteren in deren Belange einmischen. Alle Bestrebungen sollen auf die Freiheit und die Entfaltungsmöglichkeit des Einzelnen abgestimmt sein, wo Gruppen über die Bedürfnisse der Schwächeren hinweggehen, gehört das untersucht und rechtsstaatlich eingeordnet.
Wie weit wir unter diesen Umständen noch bei unseren demokratischen Gepflogenheiten bleiben können, ob wir nicht völlig andere Wege der Ermittlung von politischen Wünsche der Bevölkerung etablieren müssten, darüber sollten wir diskutieren, denn derzeit kann von freien und geheimen Wahlen nicht einmal mehr dort die Rede sein, wo formal alles korrekt läuft.
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