„Nazi“ oder „Antifa“?


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Ich bin in den 80er Jahren in die Schule gegangen, mein Abitur habe ich 1991 gemacht, also 46 Jahre nach Kriegsende. Dennoch war der Zweite Weltkrieg im Unterricht derart präsent, dass man hätte denken können, er wäre erst gestern beendet worden oder er stünde direkt wieder bevor und gerade letzteres mag zu Zeiten des Kalten Krieges tatsächliche die Befürchtung Vieler gewesen sein.

Dennoch war der Begriff des Nationalsozialismus, der im Grunde synonym mit Holocaust und Kriegsverbrechen einherging, schon damals zur Marke verkommen. Eine inhaltliche, gar philosophische Auseinandersetzung mit der Systematik dieser Staatstheorie wurde nicht angegangen, Staatstheorien endeten bei Hobbes, Locke und Rousseau, und der Unterricht beschränkte sich im Wesentlichen auf Nachkriegsliteratur, Schilderungen der Gewalt und ein paar groben historischen Einordnungen, die über Jahre wiederholt wurden: von Anne Frank über Borchert zur Kriegschuld-Debatte.

Der Nationalsozialismus war das Böse, dessen Verkörperung Hitler war und mit dem man sich am besten nicht tiefer auseinandersetzen sollte. Vielleicht fürchtete man, das Böse könne anstecken, vielleicht aber war auch das eigene Wissen bereits viel zu oberflächlich, so dass ein Zeigen mit dem Finger als absolute Warnung genügen musste und man sich um so mehr auf emotionale Themen der Folgen und der unüberbietbaren Gewalt einer maschinellen Massenvernichtung von Zivilisten (Juden), konzentrieren konnte.

Aus dieser rein äußerlichen Betrachtung entstanden schließlich zwei unhinterfragte, allgemein anerkannte und nicht weiter zu hinterfragende Begriffe: Nazi und Anti – das Böse und das Gute.

Erklärungen braucht es mit der Zeit immer weniger. Wurde jemand als Nazi stigmatisiert, befand er sich aussen, verstand sich jemand als Antifaschist, konnte er tun was er wollte, denn er war auf der richtigen Seite. Es waren Marken entstanden, die sich selbst genügten und die zu hinterfragen allein schon als Sakrileg galt.

Nun sind wir noch einmal 35 Jahre weiter.

Dass eine vertiefende Reflexion stattgefunden hätte, kann man nicht sagen. Im Gegenteil, die meisten Menschen können mit den Begriffen im Alltag nichts mehr anfangen, es sind eher abstrakte Zuschreibungen um jemanden zu diskreditieren, bzw., um sich moralisch über andere zu erheben. Ein inflationärer, sinnentstellender Gebrauch hat in breiten Gesellschaftsschichten zu einer Entwertung geführt, die bloß in politischen und teilweise juristischen Kreisen noch nicht durchgedrungen ist.

Niemand, der jemanden einen Nazi nennt, schreibt ihm eine nationalsozialistische Staatsphilosophie zu oder ist der Meinung, er würde den Holocaust gutheissen und wer sich als Antifaschist bezeichnet hat darum noch lange kein Herz für Juden oder setzt sich für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung ein, im Gegenteil.

So bleibt also die Frage: Was machen wir mit dem sprachlichen Erbe?

• Ignorieren wir es und behandeln wir es wie andere Beschimpfungen und Schmähungen, deren Ursprung wir auch längst vergessen haben (oder wer hat noch die konkrete Herleitung des Wortes „Idiot“ parat)?

• Gehen wir den Begriffen erneut auf den Grund, indem wir uns mit den historischen Ideen und ihren Folgen beschäftigen, indem wir noch einmal herausarbeiten, was es im politischen Sinne mit Begriffen wie „Rechts“, „Links“, „Konservativ“, „Liberal“, „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ auf sich hat und stellen wir sie ins Verhältnis, so dass wir die Ursprünge auch heute noch vertretener Positionen neu in den Blick nehmen?

• Oder nehmen wir die aktuell verwendeten Begriffe, analysieren deren aktuelle Verwendung und füllen sie so mit neuen Inhalten, losgelöst von ihrer historischen Bürde?

Beantworten muss diese Frage ein jeder für sich selbst. Auch steht es niemandem zu, dies für andere zu entscheiden, denn nur die eigene freie Wahl kann unserer persönlichen Verantwortlichkeit Rechnung tragen.

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

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