Der Unionswähler


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Es gibt Menschen, denen geht es gut. Immer. Und wenn sie persönliche Schicksale erleiden, dann stehen sie auf, schütteln sich wie ein Hund, der aus dem Wasser tritt und alles ist wieder gut.

Das Einzige was sie betrübt sind Mitmenschen, die ihren Finger immer wieder in Wunden legen, die sie selbst zu ignorieren gelernt haben oder die sie ihrem Naturell entsprechend, erst gar nicht wahrnehmen.

Sie sind allem und jedem gegenüber aufgeschlossen, freundlich, wirken ausgeglichen und fröhlich, haben immer Verständnis, ganz besonders für nicht anwesende Dritte, sie sind sozial engagiert, in Vereinen, am Arbeitsplatz oder im Bekanntenkreis und bilden das Rückgrat für zahlreiche gemeinnützige und wohltätige Initiativen.

In allem sehen sie das Positive, verweisen auch mal auf sich selbst als Vorbild, wenn andere am Elend ihrer Welt zu verharren scheinen, natürlich in aller Bescheidenheit, versteht sich.

Konfrontiert man sie mit echten Leid, sind sie durchaus auch mal betroffen, doch das Leid hält selten lange an. Oft reichen Floskeln wie „So schlimm wird’s schon nicht werden“, oder „Schau doch auch mal auf das Positive“, „Anderen gehts noch viel schlechter, wir sind ja immer noch recht gut dran, im Verhältnis“ völlig aus, um die positive Grundstimmung wieder herzustellen.

Allein wenn der undankbare Klagende darauf nicht eingeht, wenn er als unverbesserlicher Pessimist auf der Wirkmächtigkeit seiner negativen Befunde beharrt, dann kann dem guten Menschen schon mal die Geduld entgleiten, dann kann er auch mal autoritär werden und darauf hinweisen, dass der negative Blick runterzieht.

Natürlich ist es nicht die Flucht vor der Wirklichkeit, nicht die Angst vor dem Einsturz des potemkinschen Dorfes, dass er sorgfältig um sein Gemüt errichtet hat, sondern der Bote ist das Problem. Wer ein Übel benennt, ohne gleich eine Lösung parat zu haben, ist selbst das Übel: Er zieht sich uns sein Umfeld unnötig hinunter.

Probleme darf man natürlich ansprechen. Aber nie konkret. Natürlich ist die Welt nicht immer gut. Natürlich gibt es Ungerechtigkeit und Krankheit. Aber dafür kann niemand etwas. Wenn man schon unbedingt Personen nennen will, dann bitte Archetypen. Hitler, Stalin, oder wenn man weiter zurückgeht, alte Päpste und Despoten, die kann man nennen. Niemals aber einen Lebenden, vielleicht sogar noch amtierenden Würdenträger, denn die Obrigkeit ist immer auch Garant für Einheit und Frieden.

Um Leid zu verarbeiten, muss es abstrakt bleiben, persönliche Erlebnisse müssen eingeordnet und verarbeitet werden. Die Coronazeit beispielsweise war schlimm, aber Schuld oder gar Verantwortung dafür trägt niemand. Es war wie eine Naturkatastrophe. Wer konkrete Personen benennt, stört dieses Bild, vereinfacht, sieht die komplexen Aufgaben der damaligen Protagonisten viel zu einseitig und überhaupt: Er hat es doch im Grunde gut überstanden.

Weist man auf Tote hin, in der Familie, im Freundeskreis, wird der Störenfried also konkreter, geht auch die Verteidigung mal ein wenig ins Detail und fragt nach objektiven Belegen und ob der Tod nicht zumindest denkbar auch eine andere Ursache gehabt haben könnte. Kurz: Man beginnt sich in eine Kasuistik zu verstricken, aus der der gute Mensch natürlich immer siegreich hervorgeht, denn nachfragen ist einfach, jemanden der etwas nicht sehen will zu überzeugen, hingegen unmöglich.

Und so ist bald schon alles wieder gut. Dem Ankläger wurden Grenzen aufgezeigt, man konnte sich moralisch erheben, vielleicht war gar der Trick gelungen, die Klage als Urteil umzudeuten und dem Störenfried auf diese Weise aufzuzeigen, wie anmaßend seine Ausführungen doch waren. Und selbst wenn der Ärger noch nicht ganz abgeklungen war, so hatte man sich doch als Kämpfer für das Gute erneut überlegen gezeigt.

Es ist dieses Konzept, das seit der Mitte des letzten Jahrhunderts, wie ein schleichendes Gift die demokratischen Institutionen befallen hat, sich ausbreitet und dafür sorgt, dass unsre Gesellschaft emotional verarmt. Neues kann so nicht wachsen, Altes verkrustet und wird zur Beute windiger Konkursverwalter, für die als politische Heimat niemand sichtbarer im Rampenlicht der Geschichte steht, als die Union.

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

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