Lesedauer 3 Minuten
Ich war früher gern im Gebirge wandern. Damals, als man dafür noch keinen eigenen Namen hatte. Ich war nicht „hiking“, betrieb kein „Trecking“, genauso wenig, wie ich als Radfahrer „biken“ war, auch wenn die Strecke Köln-München schon irgendwie sportlich klang.
Dabei darf man die neuen Bezeichnungen nicht als bloße Namen missverstehen, die man aus dem Englischen eingebürgert hat. Es sind andere Konzepte. Wer seiner Freizeitgestaltung eins dieser angesagte Labels aufdrückt, will sich nicht nur bewegen, will nicht bloß die Natur erleben, sondern der schließt sich mit dem Motto einer Bewegung an.
Auch „Bergsteiger“ hat im Deutschen mittlerweile den faden Beigeschmack der Tourismusindustrie, mit der ich Polonaise am Klettersteig mehr verbinde, als die Erfahrung der Einsamkeit im Gebirge, wo man die Stille buchstäblich hören konnte.
Ich hatte früher gute Bergstiefel. Das war wichtig. Ansonsten trug ich Hemd und Hose sowie einen Rucksack mit Verbandszeug und ausreichend Getränken. Und dann ging es zum Wandern. Oft tagelang, gerade in Berchtesgaden von einer Hütte zur anderen, teils eine ganze Woche, ohne auch nur eine einzige Forststraße zu queren. Man konnte sich so etwas früher auch noch leisten und hatte nicht das Gefühl, als wandelnder Bankomat unterwegs zu sein.
Wenn eine Hütte überfüllt war, gab es Notlager. Das war nie ein Problem. Unzählige Male habe ich auf einer Isomatte in der Wirtsstube oder irgendwo auf dem Boden geschlafen, denn zurückgeschickt wurde niemand, wenn er einmal da war. Und genau das machte den Reiz aus: Ich wusste oft am Tag vorher noch nicht, ob ich noch eine Nacht auf der Hütte bleibe, um den Hausberg anzusehen oder einfach bloß zu verschnaufen. Wechselte das Wetter, blieb man oder kürzte ab, ohne dass man die geplante Tour stornieren musste, weil eine Umbuchung von Folgehütten logistisch nicht möglich gewesen wäre.
Was man alles an Geld auch damals schon für Bergausrüstung ausgeben konnte, sah ich vor allem am Kehlstein, wenn wir vom Göll kamen, verschwitzt und mit unserer einfachen, aber praktischen Ausrüstung, die sich so gar nicht mit der Modeshow vergleichen ließ, die von jenen aufgetragen wurde, die mit dem Bus raufgefahren waren. Das war so die Zeit, als man begann, für jedes „Event“ sein eigenes „Outfit“ zu tragen: Dirndl am Oktoberfest, Bergausrüstung auf der Seilbahn-Bergstation.
Heute hat sich das ausgeweitet und wer optimal vorbereitet sein möchte, hat für jede Tour die passenden Schuhe, Hosen, Jacken und weiteren Gadgets dabei und bei nicht wenigen „Hikern“, die einem begegnen, bekommt man das Gefühl, dass sie meinen ihre Jack-Wolfskin-Jacke würde sie vor allen Gefahren des Berges beschützen.
Im Gegensatz zu den Kosten der Ausrüstungsgegenstände scheint bei vielen das Bewusstsein über ihre geographische Position und das dort erwartete Können in einem reziproken Verhältnis zu stehen. Ich bin auch schon umgekehrt, weil ich top ausgerüsteten, halb verdursteten „Hikern“ meine Getränke überlassen musste und dann selbst nicht mehr genügend hatte. Weder Schwindelfreiheit, noch Trittsicherheit lassen sich mit Ausrüstung erkaufen, Kondition schon gar nicht.
Ich möchte dabei nicht falsch verstanden werden und gönne jedem sein Bergvergnügen sowie die Erfahrungen, die er dort macht. Auch ein Seilbahnfahrer hat dasselbe Recht auf dem Gipfel zu stehen wie ich, der sich zu Fuß raufgeplagt hat. Das ist nicht mein Punkt. Ich verstehe auch, dass Menschen an ihre Grenzen gehen wollen, dafür Berg- und Wanderführer brauchen, weil sie es sich selbst nicht zutrauen.
Ich verstehe, warum Hüttenwirte planen müssen, wie sie es tun und dass die vielen Facetten des Bergtourismus auch zu einer großen Anzahl an Berufen für Einheimische geführt haben. Wie vieles, was wir Älteren noch aus einer vordigitalen Zeit her kennen, hat sich auch das Naturerlebnis gewandelt – in diesem Falle halt nur weg von der Natur.
Die Masse der Menschen, die sich an für sie im Grunde unerreichbaren Orten selbst beweisen müssen hat ein Ausmaß erreicht, das nur noch industriell handelbar ist. Und so verkaufen wir künstliche Authentizität oder behütete Natur. Es ist wunderbar, nur ich mache da nicht mit. „Ich bin da raus“, wie man neudeutsch sagt.
Ich bin zu alt, um Gipfelkreuze gegen buddhistische Fahnen einzutauschen, auch wenn ich das Recht, in gleicher Weise meine Spiritualität auf dem Berg auszuleben wie jeder moderne Tourist oder Sportler, nur noch de jure besitze.
Die Kommentare sind geschlossen