Lesedauer 3 Minuten
Mit Blick auf die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Frankreich wird wieder vermehrt die Frage gestellt, was denn schlimmer sei: der Rechtsextremismus, oder der Linksextremismus.
Meist setzt diese Frage voraus, dass man sich selbst keinem der beiden Spektren zuordnet, zumindest nicht im Extremen. Extremismus gilt hier auf beiden Seiten als etwas Schlechtes, was verwundert; denn wenn jemand für eine gute Sache eintritt, warum soll er das nicht mit all seinen Mitteln tun, also extrem?
Die Frage scheint also eher auf die Bedeutung von Links und Rechts abzuzielen und lässt sich auf die Positionen runterbrechen, ob es schlimmer ist von Nazis oder von Kommunisten bedroht zu werden. Auf der einen Seite stehen Nationalisten, also jenen, die der eigenen Ethnie oder der eigenen Volksgruppe zugeneigt sind und diese auch gewaltsam gegen Fremde oder auch gegen Veränderungen zu schützen vorgeben und auf der anderen Seite jene, für die fremde Völker und Kulturen eine Bereicherung darstellen und ihre eigenen Wurzeln eher kritisch sehen.
Was beiden Positionen gemeinsam ist: Sie diskutieren nie über einzelne Personen, sondern immer über Gruppen. „Die“ gegen „Uns“. „Die Ausländer“, „Die Faschisten“, „Die Sozialisten“, „Die Muslime“, „Die Asylanten“, „Die Rechten“ oder eben „Die Linken“. Man kann die Aufzählung der Gruppen beliebig weiter ausführen, es bleibt aber immer beim selben Ansatz, indem man sich mit Gleichgesinnten von der feindlichen Gruppe abgrenzen will.
Wer so denkt, braucht zur Selbstbestimmung immer auch das Gegenüber, von dem er sich abgrenzt. Jeder Mensch wird schnellstmöglich einsortiert, durch Kleidung, Sprache oder Gesten, und wenn er erst einmal in einer Schublade verortet ist, kommt er aus dieser so schnell auch gar nicht mehr heraus.
Symptomatisch für diese Herangehensweise ist es auch, dass man positive Werte, für die man einsteht und die man vielleicht auch als Marke vor sich herträgt, immer nur der eigenen Gruppe zuspricht, während man den Gegner als legitimes Angriffsziel markiert, denn der ist moralisch disqualifiziert und somit kein vollwertiger Mensch mit allen Rechten, die man sich selbst und der eigenen Gruppe gerne zuspricht.
In der Regel kennen wir auf diese Weise zwei Gruppen. Die einen sind eher völkischer Natur und werden in der Tradition der ehemaligen Nationalsozialisten gesehen, die anderen sind Kommunistischer bzw. Sozialistischer Natur und stehen in einer dieser Traditionen. Tritt man nun einen Schritt zurück, dann kann man erkennen, warum beide Gruppen von außen gesehen eine gemeinsame Grundausrichtung haben, denn beide denken in Mengen und nicht auf die Person bezogen. Schert eine Person aus dem Grundkonsens der jeweiligen Gruppe aus, wird sie dem gegnerischen Lager zugeordnet, denn jede menschliche Positionierung findet ausschließlich über das skizzierte Lagerdenken statt.
Dem gegenüber steht die Tradition des Christentums, in der jeder einzelne Mensch von Gott angesprochen ist und für sein Verhalten selbst Rechenschaft abgeben muss. Niemand kann sich angesichts eines allmächtigen Gottes auf die Mitgliedschaft in einer Gruppe rausreden, die ja grundsätzlich gut sei und die zur Verteidigung des Guten auch mal etwas Schlechtes tun müsse. Wer, auch im Rahmen einer Bewegung, gegen auch nur einen Einzelnen die Hand erhebt, der erhebt sie gegen den Schöpfer selbst, wie Christus selbst ausgeführt hat (Mt. 25,40)
Aus dieser Perspektive versteht man auch, dass manche Christen keinen Unterschied machen, zwischen linken und rechten Parteien, dass sie diese ganze Denkweise letztlich auf den Linksheglianismus zurückführen. Das Gegenteil zu Gewalt ist nämlich nicht die Gewalt der anderen Seite, sondern die Gewaltlosigkeit. Der Christ versucht die Welt zu ergründen, zu verstehen. Es geht nicht darum, den anderen zu bekämpfen wenn er nicht konvertiert, sondern zu verstehen, warum der andere so ist, wie er ist. Hier trifft sich der Respekt vor dem Menschen, und zwar vor jedem Einzelnen, mit dem liberalen Geist, der Fremdes bestehen lässt, auch wenn es ihm nicht behagt.
Es geht also in der oben angeführte Frage gar nicht darum, ob linke oder rechte Gewalt schlimmer ist. Wer seine Vorstellung mit Gewalt durchsetzt, setzt sich damit automatisch ins Unrecht, egal woher er kommt. Der Ausweg ist nicht, zwischen Links und Rechts zu wechseln, sondern aus dem Lagerdenken auszuscheren und im Menschen etwas unendlich wertvolles zu sehen, das manchmal vielleicht ein wenig verschmutzt sein mag, aber hinter dessen Fassade, wenn man genau hinsieht, das Licht des Schöpfers in all seiner Güte und Liebe hervorscheint.
Die Kommentare sind geschlossen