Lesedauer 8 Minuten
Angefangen hatte es mit der Personen-ID. Die meisten hatten sie begrüßt, da endlich mal ein konkreter Schritt zur Digitalisierung unternommen wurde. Die Vorteile lagen auf der Hand, man konnte sich leicht ausweisen, sparte Aufwand bei Ämtern und es wurde auch immer einfacher, verschiedene Dienste zu verbinden: beim Einkauf, auf der Bank, An- und Abmeldungen von Vereinen und vieles mehr. Zudem bekam gleich von Anfang an jeder, der sein Handy oder Computer mit der ID verband, einen recht großzügig bemessenen Onlinespeicher, auf dem man seine Dokumente, Bilder, Musik- und Videodateien ablegen konnte, ohne eine zusätzliche Gebühr bei einem Anbieter zahlen zu müssen. Gratis und ein Leben lang.
Natürlich gab es auch Skeptiker. Man würde persönliche Freiheiten aufgeben, wäre dem Staat und großen Institutionen gegenüber transparent und würde durch die Kontrolle erpressbar. Ernst brauchte man derartige Bedenken nicht nehmen, denn einerseits war man ja eh schon weitgehend transparent, zum anderen eröffnete diese kleine ID mehr Freiheiten, als man durch sie nehmen konnte. Man spürte es direkt im täglichen Leben, wie Abläufe reibungsloser funktionierten, endlich einmal effektiv etwas zum Rückbau von Bürokratie getan wurde und was das Vertrauen angeht: Wenn man dem Staat in einer offenen Demokratie wie der unseren nicht mehr vertrauen kann, hat man ganz andere Probleme. Wem sollte man denn mehr trauen? Einem der großen Tech-Konzerne? Nein. Nörgler gab es immer und wird es immer geben, sich mit deren Schwarzmalerei zu beschäftigen, führte zu nichts.
Der Schritt war auch tatsächlich ein Meilenstein und in der Tat wurde mit der Zeit vieles besser. Die meisten Menschen nutzten die Möglichkeit, sich mit ihren Endgeräten zu verbinden und so wuchsen Haushaltsgeräte, Werkzeuge und weitere elektronische Gadgets immer enger zusammen. Vom Auto über das Smart-Home zu alltäglichen Assistenten per Handy, Uhr, Brille oder modernem Elektronik-Schmuck: Alles konnte über die Personen-ID kombiniert werden, alles konnte sich im Personal-Space, wie der mit der ID verbundene Speicher genannt wurde, synchronisiert werden.
Für die nahtlose Verbindung sorgte eine KI. Ein System, das vor allem auf Schnittstellen hin optimiert wurde. Zu Beginn war es teils aufwändig, neue Geräte ins Netz zu integrieren. Einige hatten gar keine Schnittstellen, andere kommunizierten nur mit bestimmten Systemen. Staatlicherseits wurde darum ein Lösungsansatz vorgeschlagen: Man stellte eine KI zur Verfügung, deren einziger Zweck es war, per MCP (einem performanten und schon damals weit verbreiteten Protokoll zur Verbindung aller möglichen Endgeräte mit KI-Systemen) Strukturen zu erkennen und Daten auszutauschen.
Es dauerte nicht lange, bis die Stores der großen Systemhersteller gar keine Software mehr akzeptierten, die nicht über eine derartige Schnittstelle verfügte. Ich glaube, es war der Apple-Store, der auch hier als Vorreiter auftrat. Ihm folgten die anderen recht bald und auch die Hardware wurde von den großen Herstellern gar nicht erst anders angeboten. Von dort bis zu einem neuen ISO-Standard war es nicht mehr weit und man konnte binnen zwei Jahren ohne über spezifisch-technisches Knowhow zu verfügen gar keine anderen Geräte mehr ins Netz bringen. Aber wer wollte das auch schon?
Es war zu dieser Zeit, dass unsere Firma den großen Auftrag aus dem „Bundesministerium für digitalen Aufbau“ erhielt. Als einer der führenden Cloud-Anbieter weltweit und mit unserer Expertise aufgrund des „Solar-Space-Node“, des Rechenzentrums, das wir unabhängig im Orbit aufgebaut hatten, waren wir schon länger in der engeren Wahl. Worum es aber genau ging, wusste damals noch keiner.
Das sollte sich jetzt schnell ändern. Im ersten Schritt wurde die gesamte Infrastruktur hinter der Personen-ID auf den „Solar-Space-Node“ umgezogen: nicht nur die IDs, sondern der Speicher jedes einzelnen Nutzers mit allem, was darauf abgelegt worden war. Im zweiten Schritt sollte die universelle Interface-KI, der „Harmonizer“, wie sie offiziell hieß, migriert werden. Sollte das alles reibungslos funktionieren, würde es für ausgewählte Techniker ein besonderes Angebot geben. Sie würden zu äußerst interessanten Konditionen in den Staatsdienst übernommen und als eigene Abteilung ein noch nicht näher spezifiziertes Zukunftsprojekt erhalten.
So hätte nun eine Zeit anbrechen können, voller Euphorie und Dynamik. Ein langfristiges großes Projekt wartete auf Umsetzung, das Budget war sowohl finanziell als auch vom Zeitrahmen her großzügig aufgesetzt, die Arbeit war spannend und wir hatten die Chance im Land etwas zu bewegen. Wir hätten die Speerspitze neuer Technologien sein können, direkt an der Quelle.
Doch Menschen sind oft etwas komplizierter gestrickt, als es von außen den Anschein hat. Statt freudig ans Werk zu gehen, kam im Team zuerst die Frage auf, wie viele denn schließlich übernommen werden sollten und was denn die Kriterien sein würden, zu den Auserwählten zu gehören. So entstanden schon zu Beginn zwei Fraktionen: die einen, die fokussiert ans Werk gingen und sich voller Optimismus um kein Gerede zu kümmern schienen und die anderen, die aus Furcht womöglich übervorteilt zu werden, immer skeptischer wurden und misstrauisch überall nach versteckten Fallen suchten.
Bekanntlich ist es ja so, dass man dort, wo man nur intensiv sucht, immer auch etwas findet. Und so war es in unserem Fall Adriaan, ein äußerst kluger Kopf, aber voller Selbstzweifel und schlechter Erfahrungen, die er im Leben gesammelt hatte, der mir morgens beim Kaffee eine seltsame Frage stellte: „Ist dir eigentlich auch schon mal aufgefallen, dass der Speicherplatz, der jeder Personen-ID zugewiesen ist, jeweils 1,5 Terabyte größer ist als der dem User tatsächlich als nutzbar angezeigte Platz?“
In der Tat war mir das nicht aufgefallen. 1,5 Terabyte sind bei einem User nicht besonders viel, aber multipliziert mit der Anzahl einer Bevölkerung ist das eine Hausnummer, die gewaltig ins Geld geht. Zufall kann so etwas schlecht sein. Auch wenn Adriaan sich bei Zahlen eigentlich nie irrte, musste ich es selbst überprüfen. Ich suchte also im System nach meiner eigenen ID und fand seinen Befund bestätigt. Meine Daten belegten auf der Cloud exakt 1,5 Terabyte mehr Raum, als mein privater Account anzeigte. Und ich bemerkte noch etwas: Der tatsächlich genutzte Speicherplatz war bei mir um knapp 1,2 Gigabyte größer als das, was mir in meiner privaten App als belegt ausgewiesen wurde. Bei Adriaan waren es sogar 24 Gigabyte, wie ich später erfuhr.
Es war Adriaan, der den Begriff des „State Vault“ als Erster äußerte. Sein Verdacht war, dass im System für jeden Bürger ein versteckter Raum angelegt war, in dem besondere Informationen über ihn festgehalten wurden. Doch wozu? Wer sollte von derartigen Daten Gebrauch machen? Sollte es etwa einen unsichtbaren Speicher geben, in dem für jeden Bürger Daten gesammelt werden? Wer hätte darauf Zugriff? Wer wüsste davon? Und wenn das tatsächlich so wäre: Was hätte der Staat davon? Vor Gericht wären solche Daten sicher nicht zu verwerten, und überhaupt: Spätestens nach dem nächsten Regierungswechsel würde so etwas auffliegen. Ich schob den Gedanken beiseite. Beinahe hätte ich mich von Adriaans Paranoia anstecken lassen, doch bei genauerem Hinsehen musste ich mir eingestehen, dass eine solche Verschwörungstheorie doch arg konstruiert war. Vermutlich war der Platz als Cache oder Erweiterungspuffer für Systemdateien gedacht. Man muss ja nicht immer gleich an das Schlimmste denken.
Im Laufe des Projektes sah ich Adriaan immer seltener. Wir waren in unterschiedlichen Teams, und ich hatte das Gefühl, dass er mir auch ein wenig aus dem Weg ging. Vielleicht war es ihm etwas peinlich, mir seine Theorie anvertraut zu haben, vielleicht interpretierte ich es aber auch über. Wie dem auch sei, die Monate vergingen, und das Projekt schritt voran. Als sich das Ende der zweiten Phase näherte, kam die Zeit der Entscheidung, wer das Angebot für den Staatsdienst erhalten würde. Eines Tages nahm mich mein Teamleiter beiseite und fragte mich, ob ich mich noch an das Angebot erinnern würde und ob von meiner Seite noch Interesse bestünde. Ich bejahte und nur wenig später erhielt ich eine Einladung zu einem informellen Gespräch beim Bundesministerium für digitalen Aufbau in der Hauptstadt.
Dort gab es einen glänzenden Empfang. Etwa zwei Drittel der Kollegen waren eingeladen. Es gab eine Führung durch das Parlamentsgebäude, ein kurzes Treffen mit dem Minister selbst, der anscheinend ungewöhnlich gut über unser Projekt informiert war, und am Abend ein lockeres Beisammensein im Dachgarten-Restaurant. In gelöster Atmosphäre lernten wir einige der führenden Beamten kennen, die das Ministerium schon seit vielen Jahren am Laufen hielten und teilweise bereits die dritte Regierung im Amt begleiteten. Wir sprachen über Urlaube, Reisen, über die Familien und natürlich auch über das Projekt, moderne Technik und die Chancen, das Land wirklich vorwärtszubringen.
Adriaan war offensichtlich nicht eingeladen. Überhaupt schien die Auswahl, mit nur wenigen Ausnahmen, ziemlich deutlich auf die Gruppe der positiv motivierten Kollegen abgestimmt gewesen zu sein, was mir damals aber nicht so sehr auffiel. Viel mehr konzentrierte ich mich, keine Fehler zu machen und einen guten Eindruck zu hinterlassen. Denn hier öffnete sich eine Perspektive, wie man sie wohl nur einmal im Leben präsentiert bekommt.
So kamen wir am zweiten Tag, neben zahlreichen Präsentationen über die herausragende Arbeit des Ministeriums und dessen Erfolge, zu den Einzelgesprächen über die zukünftigen Positionen. Am Tisch saßen eine Dame aus der Personalabteilung, ein mir unbekannter, älterer und ein wenig streng wirkender Herr, der vermutlich eine höhere Position bekleidete als sein Titel verriet, sowie mein bereits bekannter Ansprechpartner aus dem bisherigen Projekt. Wir sprachen über meinen beruflichen Werdegang und die einzelnen Stationen. Besonderes Augenmerk lag dabei auf einem Projekt von vor vielen Jahren, als ich für die Kommune tätig war und über dessen Inhalte ich mich vertraglich zur Verschwiegenheit verpflichtet hatte. Dass ich auf eine konkrete Nachfrage hin antwortete, ich könne dazu keine Auskunft geben, solange mir der Auftraggeber die Entbindung nicht erteilte, schien die Herrschaften völlig zufriedenzustellen.
Um Geheimhaltung ging es dann auch im zweiten Teil des Gesprächs: Ob ich mir bewusst wäre, dass ich an einer extrem sensiblen Position arbeiten würde, dass Datenschutz die höchste Priorität besitze und ob mir klar sei, dass projektbezogene Vorgänge auch nicht im engsten Familienkreis besprochen werden dürften. Ich kannte das alles bereits aus anderen Projekten und versicherte, dass Verschwiegenheit bei mir eine charakterliche Grundeigenschaft sei.
Das alles ist mittlerweile bereits viele Jahre her. Ich habe Karriere gemacht, könnte man wohl sagen, und auch ich habe mittlerweile schon einige Regierungen vorbeiziehen sehen. Mit der Zeit bin ich auch immer weiter in die Schaltzentrale vorgerückt und habe Dinge gesehen, die ich mir vorher nie hätte träumen lassen. Natürlich kann man das eine oder andere auch kritisch sehen, aber ich habe großen Wert darauf gelegt, dass wir nie etwas getan haben, was nicht juristisch abgesichert gewesen wäre. Schließlich muss man sich den Herausforderungen der Zeit stellen und wie unser Land ohne die Schritte aussehen würde, die wir tun mussten, möchte ich mir nicht ausmalen.
Dennoch hat mich kürzlich eine Nachricht erreicht, die ein kleiner Schock für mich war und die mich nachdenklich stimmt. Es geht um Adriaan, den Kollegen, von dem ich gesprochen habe und der in seinem Leben wohl häufiger auf der falschen Seite stand: Er ist mittlerweile verstorben, wie ich erfuhr und nicht durch einen natürlichen Tod. Vor etwa vier Wochen muss er wohl aus dem Fenster seines Büros gesprungen sein.
Ich war gestern auf der Trauerfeier, ein ehemaliger gemeinsamer Kollege hatte mich informiert. Etwas Trostloseres habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Es gab einen einfachen Sarg, Blumen, die wohl als Leihgaben des Beerdigungsunternehmens auf einen Hocker daneben gestellt wurden, etwa drei Minuten Musik vom Band. Eine ältere Dame und ich, wir waren die einzigen Anwesenden. Und die vier Sargträger, die sich aber im Hintergrund hielten und erst am Schluss dazu kamen. Ich weiß nicht, wie die Dame zu Adriaan gestanden hatte, ob sie seine Mutter, Tante, sonstige Verwandte oder Bekannte war. Freunde hatte er anscheinend keine, und von den früheren Arbeitskollegen ist außer mir niemand gekommen. Der Sarg wurde dann irgendwann von den Trägern hinausgerollt, ich nehme an zum Krematorium, so genau kenne ich mich da nicht aus. Und ich stand alleine noch eine Weile in der Friedhofshalle.
„Migräne“ schrieb mir der ehemalige Kollege, der mich über die Trauerfeier informiert hatte, auf meine Frage hin, warum er nicht da gewesen sei. Ich berichtete ihm kurz von der „Feier“ und fragte ihn, ob er etwas über die ältere Dame wisse. „Nein“, schrieb er, „Es könnte vielleicht Frau Brandmüller gewesen sein, seine Vermieterin. Die hat sich immer ein wenig um ihn gekümmert, er hat sie ein paar Mal erwähnt.“ Mehr war nicht zu erfahren und ich frage mich immer mehr, ob es auch anders hätte laufen können. Natürlich ist es Blödsinn, wenn ich mir hier eine Schuld einrede. Wir hatten uns viele Jahre nicht mehr gesehen. Dennoch fühle ich mich unwohl bei dem Gedanken, dass er damals etwas entdeckt hatte, was ich für Irrsinn hielt und wovon ich heute weiß, dass er ganz richtig lag.
Die Daten, die im „State Vault“ abgelegt wurden, waren tatsächlich bereits Grundlagen für ein Social Scoring. Natürlich war das System damals noch nicht so ausgereift wie heute, aber mit dem richtigen Einstieg hätte ein kluger Kopf wie Adriaan bestimmt seinen Gefallen daran gefunden und vielleicht noch mehr für die Gesellschaft herausgeholt als wir.
Er hätte mitbauen sollen, vielleicht hätte er dann die Erfüllung gefunden, die ihm mit seinem Pessimismus verwehrt blieb. Was wir geschaffen haben, ermöglicht schließlich eine ganz neue Qualität menschlicher Gemeinschaft! Alles, was Menschen an Daten ins Netz übertragen, läuft mittlerweile direkt über unseren Harmonizer, unsere Ethik-KI, wie wir sie intern nennen. Sie ordnet die Bürger über ein ausgefeiltes System in ein komplexes Raster ein, nachdem entschieden wird, in welchem Umfeld und mit welchen anderen Menschen eine Interaktion am fruchtbarsten ist. Der Harmonizer steuert perfekt, welche Diskussionspartner man im Netz findet, er ist sogar in der Lage (auch wenn wir das nur äußerst sparsam und mit Bedacht einsetzen) deeskalierend auf Menschen einzuwirken, indem E-Mails oder Beiträge, mit denen jemand interagiert, angepasst werden. So kann die KI Streitigkeiten glätten, ohne dass der User etwas merkt. Denn er sieht immer seine Originalbeiträge, andere sehen sie gegebenenfalls jedoch anders.
Die Möglichkeiten, mit denen wir so seit Jahren effektiv gegen Hass und Hetze vorgehen können, sind schier unendlich. Nur Menschen, die sich dem Netz grundsätzlich entziehen, sind schwer zu erreichen. Und vielleicht war genau das auch Adriaans Problem. Sein Tod sollte mir darum ein Ansporn sein, Wege zu ergründen, auch die Einsamen zu erreichen, sie in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen so ein erfülltes Leben zu ermöglichen.
Die Kommentare sind geschlossen