Frieren, FSK16


Lesedauer
4 Minuten

Während wir ständig davon sprechen, die Welt in keine Schubladen einteilen zu wollen, keine Kategorisierungen und Klassifizierungen vornehmen zu wollen und dem Schwarzweißdenken entgegenzuwirken, sind wir auf der anderen Seite nahezu versessen darauf, alles und jedes in ein Raster zu pressen.

Die Leistungen unserer Kinder werden in Schulnoten, erst 1-6 und dann bis zu 15 Punkten gemessen. Dass wir gerade bei den jüngeren durch Prosa-Textbausteine versuchen, dies zu verschleiern, ist wenig hilfreich, denn wie beim Arbeitszeugnis kann der Berufene das Raster leicht herausarbeiten.

Wie oft hört man Menschen sagen: „Auf einer Skala, Eins bis Fünf …“, oder welche Zahlen auch immer, „… wie findest du …“ dieses oder jenes. Rankings trenden in Social-Media-Videos und Artikeln, denn letztlich wollen wir alle messbare Ergebnisse, ob sie brauchbar sind, oder nicht. Statistiken, Diagramme, Auswertungen aller Art, das gibt uns Sicherheit, da können wir uns orientieren und an der Illusion von Objektivität festhalten.

Ebenso ist das auch bei der FSK, der freiwilligen Selbstkontrolle, beispielsweise bei Filmen und Serien. Wer sich hier aber auf die Empfehlung verlässt, mag unter Umständen überrascht werden. Bei weitem nicht alle Kinder vertragen mit 12 Jahren Szenen wie bei die beim Untergang der Titanic im gleichnamigen bekannten Film. Warum der eine Teil von Kill Bill für 16 und der andere ab 18 freigegeben wurde, dürfte auch nicht gleich einleuchten. Nicht selten sehen Jüngere mit älteren Geschwistern Filme ab 12, selbst wenn sie noch keine 6 Jahre alt sind, und ich finde das auch nicht problematisch.

Persönlich halte ich mehr davon, wenn sich Eltern eine Serie ein Computerspiel oder eben auch einen Film ansehen, bevor sie ihn Kindern zeigen, denn wenn sie ihre Kinder gut kennen, können sie deutlich besser erkennen, ob ein Werk für die Entwicklung der Anvertrauten passt, oder eben nicht. Kinder sind Menschen. Und Menschen sind individuell. Die persönliche Reife lässt sich nicht auf eine Zahl bringen und auch nicht am Alter festmachen, was ich hier kurz an der Anime-Serie Frieren aufzeigen möchte.

Frieren hat die FSK ab 16

Sieht man sich als Erwachsener die Serie an, dürfte es auf den ersten Blick schwer sein zu erkennen, warum das so ist. Die Geschichte verfügt über gut gezeichnete Charaktere, ist von der Grundstimmung nicht düster, die Kämpfe sind comichaft übertrieben und sind eher weniger geeignet, auf reale Auseinandersetzungen übertragen zu werden. 

Im Gegenteil, vieles ist gerade für Kinder mit realer Erfahrung menschlicher Sterblichkeit eine große Hilfe. Sehr einfühlsam werden menschliche Konflikte aufbereitet, neben dem positiven Umgang mit Spannungen, angefangen vom Dauerkonflikt zwischen Langschläfern und Frühaufstehern bis hin zur aktiven Integration von Menschen in die eigene Gruppe, die einem nicht sympathisch sind, steht immer wieder das Thema der Vergänglichkeit und Kurzlebigkeit von Menschen gegenüber der Langlebigkeit von Elfen im Zentrum. 

Die Hauptdarstellerin leidet stark unter dem Verlust von Freunden, was sie immer wieder, teils zynisch, teils trauernd, in die Diskussion einbringt. Ihr Umgang damit ist letztlich aber vorbildlich: Sie hält die Erinnerung ihrer vergangenen Freunde hoch, sie erhält ihr Andenken in eigenen, beinahe rituellen Gewohnheiten am Leben und bringt sie immer wieder ins Gespräch. Auch eine junge Magierin, die zur Waisen geworden war, konnte mit dem Hinweis, dass nur noch sie die Erinnerung an ihre Lieben in der Welt halte und dass sie, wenn sie sterbe, auch die letzten Gedanken an ihre Familie mit ins Jenseits nehme, wieder für einen positiven Blick auf ihr Leben gewonnen werden.

Sicher. Es mag Kinder geben, die mit bei Szenen wie der Waage der magischen Kraft, wo die Seele des Gegners abgewogen wird und wo eine Dämonin schließlich kraft dieser Waage durch die Heldin Frieren gnadenlos zum Suizid gedrängt wird, Schwierigkeiten haben. Auch wenn seelenlose Dämonen das Wort „Mama“ rufen, um Emotionen hervorzurufen, die sie gar nicht verstehen, deren Effekt auf Gegner sie aber ausnutzen, könnte von zaghaften Gemütern schwer verkraftet werden.

Genau darum sollten sich Eltern vorher selbst mit der Materie auseinandersetzen und entscheiden, ob ihre Kinder dem gewachsen sind. So etwas kann man mit keinem Raster durch eine Prüfstelle erledigen lassen. Bei unseren Kindern ist das nämlich völlig anders. Sie haben vor zwei Jahren ein sehr geliebtes Geschwisterkind verloren und darum schon reale Erfahrungen mit dem Tod gemacht, die zu bewältigen für sie auch heute noch sehr schwer ist.

Genau hier ist Frieren äußerst hilfreich. Der ruhige Ton, die positive Grundstimmung, das freundliche Miteinander bestimmen den Stil der Erzählung. Das alles trägt zu einer starken Identifikation mit den Figuren bei und lässt die zahlreichen psychologisch fein umgesetzten Beobachtungen menschlichen Miteinanders wirken. So konnte unser Jüngster, der noch heute über den Verlust seiner Schwester weint, aus der Idee, dass sie in seinen Erinnerungen fortlebt durchaus Kraft gewinnen.

Auch ist die Phantasie der Kinder nicht zu unterschätzen. Die beschriebene Waage der magischen Kraft kam beispielsweise gar nicht so düster an, wie man meinen könnte, im Gegenteil: Als wir letztens in einer ägyptischen Ausstellung waren, kam beim Ansehen der Waage zum Wiegen des Herzens gegen die Feder der Ma’at gleich die Assoziation mit der nicht ganz unähnlichen Szene bei Frieren auf. Kinder können Dinge oft besser verarbeiten, als man meinen könnte, und sie finden ihren Weg, Erfahrungen zu verarbeiten, wenn sie dabei von Liebe und Verständnis begleitet werden.

Was ist nun das Fazit?
Sollten alle Kinder Frieren gucken? Nein, sicher nicht. Aber auch wenn ich den Anime für eine Perle im aktuellen Angebot halte, so sollte man doch wie bei allem, was eine gewisse Tiefe erreicht prüfen, ob jene, die man damit konfrontiert bereits schwimmen können. Und so verlockend Einordnungen wie die der FSK sein mögen, ich kann nur empfehlen, sich selbst ein Bild zu machen und keinen einfachen Zahlen und vorgefertigten Kategorien zu vertrauen.

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

Die Kommentare sind geschlossen