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Wer in einem Beruf mit Kundenkontakt tätig ist oder Personalverantwortung in einer Firma anstrebt, erhält früher oder später meist Fortbildungen, in denen der Umgang mit Menschen trainiert wird. Dabei beziehe ich mich im Folgenden allein auf Veranstaltungen, die z.B. alle Team- und Abteilungsleiter oder sämtliche Mitarbeiter mit Kundenkontakt einbeziehen. Für spezifische Arbeitsfelder, wie Call-Center Reaktionen zum Umgang mit übergriffigen Kunden oder das optimale Überbringen negativer Botschaften für Ärzte und Pflegekräfte auf Intensiv- oder Palliativstationen, sind spezielle Coachings nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig.
Dabei geht es im Grunde um das Einüben von Gruppendynamik sowie um die Vermittlung eines konstruktivistischen Menschenbildes. Spiele sollen das Gemeinschaftsgefühl stärken, wenn man beispielsweise mit Papier tragfähige Brücken bauen soll, an Schnüren ziehen muss um gemeinsam einen Gegenstand in einer Art Netz anzuheben, und vieles mehr.
Auf der Anderen Seite werden Verhaltensweisen antrainiert: Vor Gruppen sprechen, vor der Kamera performen, Pantomime aufführen, oder auch nur den Klassiker „Aktives Zuhören“ einüben. Nicht selten gibt es dann auch für den intellektuellen Anspruch einen Vortrag über das (längst schon überholte) Sender-Empfänger-Modell.
Soweit so gut. Firmen geben Unsummen für diese Schulungen aus und der Markt boomt. Man kann sich damit zertifizieren, man kann die Firma als besonders sensibel und Mitarbeiterzentriert bewerben und sicher gibt es nicht wenige Interessenten, die auf eine solche Art der Eigenvermarktung anspringen.
Was aber verbirgt sich hinter diesen Veranstaltungen?
Zum einen fällt auf, dass sich nicht wenige Choleriker, Narzissen, Freunde des Micromanagements und andere auffällige Veranlagungen unter den Teilnehmern solcher Seminare bestens anpassen können. Sie machen die Gruppenspiele perfekt mit, glänzen in den Analysen (anderer) und täuschen eine Reflexion vor, von der man im Alltagsleben vor- und nach dem Seminar nichts spürt. Mit anderen Worten: gerade die Zielgruppe geht meist recht unberührt durch derartige Veranstaltungen
Vermutlich liegt das daran, dass man einen Charakter nicht mit ein paar Erkenntnissen aus einer Pflichtveranstaltung ändern kann. Es kann aber auch daran liegen, dass nicht selten die Auftraggeber als Kernzielgruppe des Coachings nicht verprellt werden dürfen, da man die Kuh, die man melken möchte, bekanntlich besser nicht gleich schlachtet.
Die Anbieter tun also gut daran, nicht allzu sehr auf persönliche Entwicklungen oder gar Defizite von Teilnehmern einzugehen, sondern sich mehr auf Gruppendynamik zu beziehen und dabei den Spagat zu versuchen, Menschen beizubringen, wie sie über Gesprächsleitfäden und psychologische Tricks ihre Zielgruppe manipulieren können und dabei dennoch das Gefühl von Individualität fördern. So kommt man beispielsweise zu Übungen, wie man über einstudierte Slogans und eine geglättete Sprache „authentisch“ rüber kommen soll.
Die Teilnehmer kann man dabei leicht in zwei Bereiche einteilen. Jene, die begeistert mitmachen und das Gefühl haben, hier etwas wertvolles für ihren beruflichen Alltag zu lernen. Sie sind in der Regel am anfälligsten für genau jene Manipulationsstrategien, die sie dann auch (je nach Geschick) erfolgreich anwenden können.
Die andere Gruppe lässt die Veranstaltungen über sich ergehen, findet spöttische Namen wie „Schöner-Reden-Seminar“ und erträgt die Veranstaltugnen eher passiv, wohl wissend, dass der Alltag vor und nach der Veranstaltung völlig unberührt derselbe bleibt.
Was aber ist die Alternative?
Geht man von der Vorstellung aus, dass sich Menschen charakterlich nicht leicht ändern lassen, und dass sie, an Produktivität verlieren, wenn man sie in eine ihnen fremde Agenda zwängt, dann ist die Lösung kostengünstig und einfach. Man braucht Menschen in Führungspositionen, die ein wohlwollendes Gespür für andere von Haus aus mitbringen. Ob man gern mit Menschen arbeitet, ob man gut kommunizieren und Vertrauen gewinnen kann, ist nicht zu lernen, so etwas gehört zum persönlichen Charisma. Und wer Positionen mit Personalverantwortung durch solche Menschen prägt, ihnen die Verantwortung übergibt, Mitarbeiter ihrem Naturell entsprechend einzusetzen, der wird motivierte Mitarbeiter ganz ohne teure Seminare erhalten: allerdings ganz ohne Zertifikate.
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