Richtig diskriminieren


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Wenn wir über unsere wirtschaftlichen Verhältnisse jammern oder den gesellschaftlichen Verfall beklagen, denken wir selten über die Wurzeln des Übels nach: Wir diskriminieren falsch.

Natürlich hört man landauf landab, dass Diskriminierung selbst Ursache allen Bösen wäre und wir geben Unsummen aus, nicht nur an Steuergeldern, um dem Ideal der Gleichheit nachzujagen, welches zumindest auf dieser Erde nie zu erreichen ist: zur Erleichterung der Einen, für die Gleichheit einer der ärgsten Alpträume ist und zum Leid der anderen, die auf der Gleichheitswelle mehr Rechte für sich erhoffen.

Vielleicht sollten wir uns erst einmal vor Augen führen, was Diskriminierung überhaupt ist. Das Wort stammt wie so vieles aus dem Lateinischen und bedeutet ursprünglich soviel wie trennen, absondern, unterscheiden. Es handelt sich also um die Basis eines jeglichen Erkenntnisvorgangs, denn allein schon wenn wir eine Sache benennen, unterscheiden wir sie von anderen. Etwa im 16. Jhdt (also für die Gebildeten unter uns, im Zeitraum zwischen dem Jahr 1500 und 1599) bekam das Wort ein wenig Schlagseite, denn man bemerkte, dass bei Unterschieden das eine meist besser und das andere schlechter bewertet wird. Diskriminieren bekam also den Beiklang des Herabsetzens.

Nichtsdestotrotz: Wir unterscheiden dauernd. Auch werten wir permanent. Wir unterscheiden Fenster und Türe, diskriminieren dabei das Fenster, wenn wir lieber durch die Tür ins Hausinnere schreiten und die Türe, wenn wir lieber durchs Fenster herausgucken. Unser ganzes Leben ist ein Bewerten, Gewichten und Entscheiden, was wir lieber wollen und was nicht. Also sich wir vom Wesen her Diskriminatoren.

Und wer einem einreden möchte, das sei etwa Schlechtes, der diskriminiert erst recht. Denn wie sollte er ansonsten zu einem solchen Werturteil gelangen? Es ist also leicht einzusehen, der Diskriminierung kommt man nicht aus und mag man sie noch so sehr verteufeln, man gleicht eher einem Don Quichotte denn einem Kämpfer für eine bessere Welt, wenn man gegen sie vorgeht. Leider hindert das aber kaum jemanden mit moralischem Anspruch, nicht ständig nach neu anzuprangernden Diskriminierungen Ausschau zu halten. Sobald eine gefunden wurde, wird sie gleich medial groß aufgebauscht, damit sich der Entdecker rühmend vor eine Kampagne zum Schutz neuer Diskriminierter stellen kann.

Kommen wir zurück zum Jammern über die Wirtschaft. Hier wird nämlich seit einiger Zeit ganz neu diskriminiert. Konnte man früher Produkte und Dienstleistungen unterscheiden, war die Qualität noch von Interesse oder die Ästhetik, so werden heute vor allem Mitarbeiter und Kunden diskriminiert. Beim Kunden ist es klar, im Massengeschäft zählt der einzelne nicht und darum werden sie nach Klassen in Abhängigkeit von Umsatz und Marge eingeteilt. Soweit, so egal. Bei den Mitarbeitern aber ist es anders.

Mitarbeiter werden äußerlich natürlich alle gleich behandelt. Individualität ist nicht gefragt, Spezialwissen auch nicht, denn austauschbar und günstig zu haben, sollte der optimale Angestellte sein. Und so kontrovers das klingt: genau um dieses Ziel zu erreichen, wird diskriminiert, wie man es bis dato nicht gekannt hat.

Unter dem Deckmantel der Förderung werden Konzepte durchgeführt, die klingen als wolle man den Einzelnen in seinen Fähigkeiten entwickeln, doch wenn man genauer hinsieht, bemerkt man vor allem eines: Alles wird kategorisiert. Jede einzelne Fähigkeit wird in ein Punktesystem gepresst, Interaktionen zwischen Mitarbeitern auf ihrer jeweiligen Hierarchieebene sowie in Bezug auf Vorgesetzte oder untergebene werden katalogisiert und ständig werden Bewertungen verlangt, sowohl von anderen als auch von einem selbst.

Will sich eine Firma zertifizieren lassen, beispielsweise um an Fördergelder oder genossenschaftliche Verbünde Anschluss zu finden, muss sie einen enormen Aufwand betreiben. Alle Menschen (aber auch juristische Personen) im Umfeld, ob Kunden, Geschäftspartner oder Angestellte, sind in Raster zu sortieren, zu bewerten und abstrakten Zielen, die mit dem Produkt eines Unternehmens oft wenig bis gar nichts zu tun haben, unterzuordnen. Man nennt derartige Prozesse „Validierung“, „Qualifizierung“, „Verifizierung“ oder ähnlich und letztlich läuft es immer auf das selbe heraus. Man möchte vergleichbare Statistiken, man möchte Raster zur Bewertung und somit letztlich zur Diskriminierung von allem schaffen, mit dem man es zu tun hat.

Auf Menschen wird hier ein nicht zu unterschätzender psychischer Druck ausgeübt. Nicht nur, dass sie ständig bewertet werden, sich dauernd in Bezug auf persönliche Befindlichkeiten erklären müssen, dass sie Highlights und Probleme in regelmäßigen Meetings, sowohl im Kollegenkreis als auch mit Vorgesetzten besprechen müssen, sie sind auch angehalten, sich und andere regelmäßig in Bezug auf Arbeitsleistung und Verhalten zu beurteilen. Das Ganze wird dann schriftlich über Jahre festgehalten, kann für Arbeitszeugnisse und sonstige Bewertungen herangezogen werden und somit über Stagnation und Fortkommen im Beruf entscheiden.

Wie gesagt, wir diskriminieren. Und je mehr wir behaupten, genau dies nicht zu tun, desto exzessiver tun wir es. Diskriminierung findet nämlich nicht nur dort statt, wo Medien oder Politik gerade mit dem Finger hin deuten, sondern im direkten Kontakt mit Institutionen: Mit Ämtern, Vereinen, Ärzten und Krankenhäusern, im Groß- und Einzelhandel, in jedem Kontakt mit Firmen: sei es als Geschäftspartner, als Kunde oder Angestellter.

Und das ist falsch. Es ist übergriffig, engt den Menschen in seiner Entfaltung entschieden ein, baut enormen Druck auf und ist in keiner Weise hilfreich. Es kostet die Unternehmen Unsummen an Geld und anderen Formen von Energie und letztlich verschlechtert es die internationalen Marktchancen in Bezug auf Regionen, wo diese Unsitte noch keine Ressourcen vernichtet und diese in Leistungen und Produkte investiert werden können.

Im Sinne einer positiven Entwicklung nicht nur unserer Wirtschaft, sollten wir mit dieser Unsitte besser gestern als heute aufhören und wieder zu einer gesunden Praxis der Diskriminierung zurückfinden.

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

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