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Die Ringparabel von Gotthold Ephraim Lessing gilt dem deutschen Bildungsbürgertum als heilig. Mit ihr wird Aufklärung und Toleranz wie in einer Monstranz vor sich hergetragen und sie gilt als Goldstandard im Umgang mit Religionen. Wer eine auch nur oberflächliche Kritik wagt, hat sie entweder nicht verstanden oder ist selbst ein unverbesserlicher religiöser Fanatiker, genau von jener Sorte, gegen den dieses, quasi von göttlicher Weisheit durchdrungenes Werk, seit je her anzugehen versucht.
Im Kern handelt es sich um eine recht simpel gestrickte Allegorie: Ein magischer Ring, der die Kraft besitzt, den Träger vor Gott und den Menschen beliebt zu machen, soll an drei Söhne vererbt werden. Damit keiner benachteiligt wird, ließ der Vater zwei optisch identische Kopien anfertigen, so dass niemand sagen konnte, wer der echte Ring sei. Der weise Richter konnte das auch nicht erkennen und gab den Rat, jeder solle den seinen für den Echten halten, am Resultat würde man schließlich erkennen, welcher Ring der echte wäre.
Die drei Ringe stehen natürlich für die Buchreligionen: Christentum, Judentum und Islam. Die Allegorie behauptet nun, man könne diese Religionen äußerlich nicht voneinander unterscheiden, allein das Verhalten ihrer Anhänger würde den Wert nach aussen hin offenbaren.
Damit wird implizit einiges gesagt:
Zum einen wird eine externe Instanz eingeführt, die in der Lage ist, die drei Religionen von außen her zu beurteilen, bzw. das Verhalten der Gläubigen neutral zu bewerten und zu vergleiche. Diese Instanz muss also über einen eigenen Maßstab für Moral verfügen, der den immanenten Moralkriterien der Religionen übergeordnet ist.
Des weiteren werden die Religionen auf Ethik und Moral reduziert, dass diese im religiösen Kontext aber gar nicht primär ist, sondern aus der jeweiligen Dogmatik abgeleitet ist, wird schlicht ignoriert.
Gerade letzteres Argument sorgt politisch für große Probleme, da es den Kern der Religionen nicht ernst nimmt und in seiner Verkürzung zu unerfüllbaren Ansprüchen führt. In diesem Sinne wird immer wieder allen Ernstes behauptet, das Christentum wäre im sog. Mittelalter auf einer dem Islam ähnlichen Stufe gestanden, hätte aber durch Aufklärung und historische Kritik dazu gelernt und nun müsse der jüngere Islam den selben Weg gehen. Von der äußeren Gleichheit der Ringe wird hier auf eine auch innere Identität geschlossen, die den Religionen einfach so mal untergeschoben wird und von wo aus dann wilde historische Vergleiche und Forderungen zu politischem Aktionismus führen. Das ist ignorant und brandgefährlich.
Um die Unsinnigkeit solcher Vorhaben zu skizzieren, möchte ich (wie schon öfter) auf die unterschiedlichen Gottesbilder von Christentum und Islam hinweisen. Das Wort Gottes, der Logos, ist im Christentum eine Person, nämlich Christus. Im Islam zeigt sich das Wort Gottes als Koran, also als Buch. (Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass die Parallele zwischen Christus und Koran, nicht zwischen Bibel und Koran besteht. Die Bibel müsste man am ehesten mit den Hadithen verleichen, auch wenn es hier die Ähnlichkeiten weiter auseinanderlaufen.)
In den Büchern der Bibel handelt es sich um Schriften, die von Menschen verfasst wurden und die göttlich inspiriert, nicht aber göttlich diktiert wurden. Viele Bücher der Bibel referieren auf andere, Christus interpretiert das Alte Testament, im AT interpretieren Propheten den Pentateuch, etc.
So ist es für Christen ganz normal, dass sie sich der Übersetzung und der Zeit bewusst sind, in der sie die Texte heute lesen und die von den Ursprüngen und der Intention der Autoren durchaus abweichen können. Um Klarheit zu gewinnen, wurde seit je her das Lehramt bemüht, der Katechismus, Dogmen und Lehrentscheidungen. So etwas ist für den Koran undenkbar.
Bei der Urform des arabischen Korans handelt es sich für den Gläubigen um das direkte exakt so mitgeteilte Wort Gottes. Strenge Gläubige lehnen Übersetzungen ab um ein exaktes Exemplar göttlicher Offenbarung zu lesen. Dabei spielt es keine Rolle, was fremde Religionen oder selbsternannte Moralrichter über Exegese und historische Kritik sagen. Eine Auseinandersetzung mit dem Koran muss aus innerislamischem Verständnis heraus geschehen, und das ist allein aufgrund der Art der Offenbarung nun eben nicht identisch mit den Schriften anderer Religionen.
Wer sich alleine diesen Unterschied vor Augen führt, wird schnell merken, dass er mit der Ringparabel hier nicht weiter kommt. So schön und sympathisch sie für viele westliche Atheisten klingen mag, im Grunde bleibt die epistemologischer Kitsch.
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