Wenn der Priester zum Personal wird


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Auf der Social-Media-Plattform X erhielt ich unlängst folgende bemerkenswerte Antwort eines katholischen Priesters auf meine Ansicht, dass das Geschlecht des Priesters Auswirkungen auf das Gottesbild von Gläubigen habe:

„Das Geschlecht des Kultpersonals hat nun wirklich gar nichts mit Mono- oder Polytheismus zu tun.“

Nun mag es an der Flüchtigkeit des Mediums liegen, dass man schnell mal auf etwas antwortet ohne es richtig gelesen zu haben, denn natürlich sprach ich nicht vom Polytheismus, sondern vom Pantheismus, doch das ist gar nicht mal der Punkt: der Begriff des Kultpersonals ist der, der mich stutzig gemacht hat.

Klassisch gibt es in der Kirche, im Hinblick auf formale Tätigkeiten den Begriff des Amtes. Ein Mensch kann als Person, also selbst für sich sprechend, oder im Amt, d.h. in seiner Funktion für die Kirche auftreten. Diese Unterscheidung ist wesentlich, denn sie betrifft Verantwortung und Gehorsam. Wer im Amt steigt kann leicht als Person fallen, beispielsweise wenn es ihn zu Arroganz und Hochmut verleitet.

Dass der Priester hier von Kultpersonal spricht, nicht von Amtsträgern, mag den Begriff der Person mitklingen lassen, zeigt aber letztlich in eine völlig andere Richtung. Moderne Theologen weisen gern auf die Selbstbestimmtheit des Menschen hin, der sich von einer Institution wie der Kirche nicht beugen lassen solle. Authentizität als Anspruch, sich persönlich auch in alte tradierte Formen einzubringen, um deren Starrheit zu durchbrechen, wird in diesem Zusammenhang gern gefordert.

„Personal“ bietet diesen Klang jedoch nur an der Oberfläche. Wer einen Aufzug betritt und schon einmal gelesen hat, dass er für 12 Personen geeignet sei, spürt, was gemeint ist: die Persönlichkeit eines Menschen ist es sicher nicht.

Warum also spricht der Geistliche hier von Kultpersonal?

Ob er den Anklang des Persönlichen im Blick hatte oder nicht, auf jeden Fall offenbart der Begriff ein rein funktionales Verständnis von Liturgie. Das Personal, auch wenn es sich selbst einbringt, erfüllt seine Aufgabe im Ausführen von Tätigkeiten. Es ist eingesetzt um einen Kult, also wenn man so will eine religiöse Veranstaltung, im Rahmen der zuvor definierten Abläufe durchzuführen.

Mit ähnlichen Bezeichnungen könnte man auch die Aufgaben in Vereinen oder Firmen beschreiben, denn bei zusammengesetzten Substantiven bestimmt im Deutschen bekanntlich immer das letzte den Sinn. Eine Kirchentür ist eine Tür, ein Altartuch ist ein Tuch und ein Kultpersonal ist halt bloß Personal.

Von dieser Perspektive aus betrachtet ist es ohne Zweifel richtig, dass das Geschlecht des Menschen für das Verrichten eines Dienstes am Altar ohne Bedeutung. Die notwendigen Tätigkeiten können von jedem Menschen erlernt werden, heute sieht man in der Regel Kinder als Ministranten und ob jemand das Charisma hat, Menschen zu begeistern ist auch nicht vom Geschlecht abhängig.

Frauenordination

Kommen wir nun zum Anlass des kleinen Austausches. Frau Sarah Elisabeth Mullally wurde im Januar zur Erzbischöfin von Canterbury gewählt und ist somit die oberste Bischöfin der Church of England. Das wird im Netz kontrovers diskutiert und ich habe mir erlaubt, unter einem prominenten Beitrag zu erwähnen, dass weibliche Priester in einer monotheistischen Religion eine Hinwendung zum Pantheismus bedeutet.

Ganz allgemein kann man hier also feststellen, dass es bei meinem Anliegen und der Replik des Priesters um grundsätzlich unterschiedliche Ebenen geht. Während ich eine fundamentaltheologische Aussage über das Priesteramt als Bedeutungsträger für die Grundausrichtung einer Religion in Bezug auf die Identifikation und Symbolik im Blick hatte, bezieht sich dessen Antwort allein auf die handwerklichen Aspekte bei der Durchführung kultischer Handlungen.

Es geht aber um mehr. Es geht um die Begegnung mit dem Schöpfer und die Erfahrung der göttlichen Liebe in Christus. Ich kann mir keine nähere und intensivere Beziehung vorstellen und der Priester ermöglicht dies in seinem Amt durch den Heiligen Geist, der ihm in der Weihe auf ganz besondere Weise geschenkt wurde. Natürlich ist er damit für ich auch Symbolfigur, durch die ich einen Blick auf Christus werfe.

Und hier spielt das Geschlecht durchaus eine Rolle. Es geht ja nicht um die Frage, ob der allmächtige Gott männlich oder weiblich (vielleicht sogar divers) wäre, denn dass er in seiner Allmacht sämtliche Geschlechtskategorien überbietet, sollte einem Christen eigentlich klar sein. Es geht aber um unsere menschliche Assoziationen, unser Verständnis und die Bilder, die wir mit den Geschlechtsidentitäten verbinden.

Man könnte hier mit Psychoanalytikern wie C.G.Jung argumentieren, oder mit Religionswissenschaftlern wie Mircea Eliade um zu zeigen, dass wir mit den Geschlechtern ganz grundsätzliche Eigenschaften verbinden. Frauen gebären. Das Leben geht aus ihnen hervor, es wird zu Beginn als Identität wahrgenommen und muss erst getrennt werden, sowohl physisch durch die Nabelschnur, aber ebenso geistig durch Selbsterkenntnis und Reife. Beim Mann ist es umgekehrt. Der Vater ist dem Neugeborenen fremd, es muss eine Beziehung zu ihm aufbauen und wenn alles gut geht, ist der liebevolle Vater der erste Mensch, der zeigt, wie man eine liebevolle Vertrauensbeziehung zu jemand ganz anderem aufbaut.

Allein durch diese Grunderfahrungen finden Prägungen statt, die in unsere Interpretation der Welt mit einfließen, insbesondere bei eschatologischen Fragen. Der Pantheismus ist das Prinzip der Einheit: Alles ist Gott, auch wenn sich Aspekte temporär trennen mögen, so kehr alles wieder ins Eine zurück. Der Monotheismus trennt Schöpfung und Schöpfer ähnlich wie Kunstwerk und Künstler. Es gibt Beziehungen, aber eben keine Identität.

Konzepte wie Freiheit und Verantwortung bauen eben auf jene Unabhängigkeit auf, wie sie im Monotheismus grundgelegt ist. Das ist für die weitere Entfaltung einer Theologie, für die Konkretisierung einer Religion nicht zu unterschätzen. Und genau darum ist eine Verkürzung sakramentaler und liturgischer Fragen auf die Geschlechtlichkeit folgenreich. Es geht nämlich im Kern nicht darum, was jemand, der sich für einen Dienst als Priester entscheidet möchte, sondern um die Frage, ob und wo sein Dienst das Evangelium im besten Licht erscheinen lässt.

Sobald man den Blick der Gläubigen auf Gott sowie deren Begegnung mit dem Allerheiligsten im Sakrament geringer schätzt als die Karrierevorstellung von Priesteramtskandiaten, läuft etwas schief. Die Frage sollte sein, wo jemand, der sich berufen fühlt, für andere das Evangelium am besten erfahrbar macht. Wer ein Priesteramt als Karriereleiter ansieht, das kann man ganz allgemein sagen, der ist dort falsch – egal, ob Mann oder Frau.

Ich würde mir wünschen, es würden die weiblichen Wege in der Gesellschaft mehr wertgeschätzt, ich hätte gern eine Renaissance der marianischen Frömmigkeit, mehr Engagement in Frauenorden oder vermehrte Jungfrauenweihen, gerne auch mit angesehenen Ämtern verbunden, wenn man das als Tribut an gesellschaftliche Konventionen braucht. Das Priesteramt aber aus der einseitigen Perspektive des Handwerkers zu betrachten, dessen erlernbare Fähigkeiten naturgemäß keine Geschlechtergrenzen kennen und es darum ohne Rücksicht auf die komplexen Folgen einfach für alle zu öffnen, das scheint mir ein falscher Weg.

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

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