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Was gibt Halt im Leben? Worauf kann man seine Hoffnungen stützen, seine Träume? Auf welchem Boden kann man gefestigt stehen und den Anfeindungen trotzen, die einem täglich wie stechender Eisregen, von einem unerbittlichen Sturm getrieben, ins Gesicht schlagen? Von einem Sturm, der einen wie mit kalten Händen unter die Achseln greift, dem Boden zu entreissen droht und dessen eisiger Hauch sich langsam lähmend im Körper ausbreitet, gefolgt von einer Illusion der Wärme, mit der er seinen tödlichen Griff zu vollenden ansetzt?
Die Welt um uns ist angefüllt vom Geschwätz der Toten, die es nur noch nicht bemerkt haben, dass eben diese Wärme nicht die Erlösung ist. Sie haben es sich eingerichtet, in einem Zwischenreich; weder Himmel noch Hölle, kein Leben aber auch noch keine völlige Regungslosigkeit, irgendeine Form der Existenz die so dürftig ist, dass sie nach Gesellschaft lechzt, die echte Nähe eines anderen jedoch nicht annäherungsweise aushalten in der Lage ist.
Die Drogen, die den wie ein Krebsgeschwür gewachsenen Konstruktivismus der letzten zwanzig Jahre genährt haben, gehen langsam zu neige. Der schrumpfende finanzielle Spielraum erlaubt eine Betäubung durch Konsum immer weniger, auch das ungezügelte Ausleben sexueller Phantasien hat sich längst als Danaergeschenk erwiesen.
In dieser Situation hallt mir noch das „Lumen Christi“ aus der gestrigen Osternacht im Ohr nach, ein Ruf, der im geschäftigen Treiben des Kerzenanzündens, der Suche nach einem Gotteslob oder Sitzplatz beinahe untergegangen ist. „Deo Gratias“, so die Antwort, konnte ich in freudiger Erwartung gerade zweimal anbringen, denn sowohl der Ruf als auch die Vorfreude ging im Lärm und Trubel des Geschehens unter.
Die Liturgie der Osternacht ist gewaltig. Sie wird von langer Hand vorbereitet, durch Fasten, Beichte und Buße, durch nächtliches Gebet bis zur Konzentration auf den Tod an Karfreitag. Das alles mündet schließlich in ein Osterfeuer, welches die Nacht eher zaghaft erhellt, an dem Weihrauch, Osterkerzen und weitere Lichter entzündet werden, die dann, unter dem erwähnten Gesang in die Kirche getragen werden.
Im Kerzenschein werden alttestamentarische Lesungen vorgetragen, man versinkt in die alten Geschichten von der Erschaffung der Welt, menschlichen Tragödien von Unterdrückung, Sklaverei und Hoffnung auf Erlösung. Dann, der Wandel hin zum neuen Testament: Zum Gloria ertönen Blechbläser und Orgel in voller Lautstärke, das Licht geht an und die Kirche erstrahlt in hellem Glanz, alle Glocken läuten und die Menschen singen aus voller Kehle. Und …
… eine Diskokugel erleuchtet den Raum, die Ministranten ziehen sich alberne Papphütchen auf, machen Faxen mit dem Weihrauch und stolpern kreuz und quer durch den Altarraum als hätten sie auf einer Party zu tief ins Glas geguckt.
So zumindest mein Eindruck, der durch die Predigt abgerundet wurde, die neben Trump- und Putinbashing zu Partystimmung aufrief (wenn auch zaghaft angedeutet wurde, dass man sich auf Parties dann doch nicht zu sehr gehen lassen sollte).
Nun – ich kann nicht sagen, ich wäre enttäuscht gewesen, ähnliches hatte ich erwartet und ich bin durchaus in der Lage, mich auf das für mich Wesentliche zu konzentrieren. Dennoch komme ich nicht umhin festzustellen, dass genau diese Art der Liturgie für mich eben keinen festen Halt darstellt, sondern eher zeigt, wie sehr der beißende Wind das Fundament, auf dem ich stehe, angegriffen hat.
Das Geschwätz der Toten, das oberflächliche Gerede von Liebe während man gleichzeitig die politischen Feindbilder verteufelt, bestimmt auch hier den Ton. Kein Wort der Feindesliebe, kein „gebt dem Kaiser“, sondern explizites Einordnen von Menschen und politischen Machtgefügen in ein Gut- und Böse-Schema. Der Verweis auf eine tiefere Dimension, auf den Heilsplan Gottes, der sich in allem zeigt, eine Botschaft der Versöhnung, die das Mysterium der Auferstehung als tragende Säule in unser Leben bringt, die den Boden auf dem wir stehen kittet und das Fundament erneuert: Fehlanzeige.
Die Liturgie der Osternacht, Vorlage und Inspiration für sämtliche weiteren Eucharistiefeiern, verkommt zur Aufführung. Es wird Theater gespielt, man zelebriert sich selbst, nicht zuletzt, wenn man im ungünstigsten Moment überhaupt, beim Empfang der Hl. Kommunion, einen Ministranten hinzu platziert, der einem als Flugblatt einen weiteren Liedzettel in die Hand drückt. An fehlender Sensibilität für das Sakrament ist das nicht mehr zu überbieten. Man empfängt den Leib Christi, als hole man sich Semmeln von der Theke und bekommt gleich noch einen Flyer mit dazu.
Ich weiss, das alles ist von den Ministranten, den Helfern und Pädagogen, die so etwas vorbereiten gut gemeint. Und wenn es den Menschen der Gemeinde gut tut, sollen sie das gern auch weiterhin so halten, nur mir blutet das Herz und ich habe wenig Hoffnung, dass sich in absehbarer Zeit aus dieser Kirche hier in Deutschland eine tragfähige und zukunftsweisende Plattform entwickeln wird, die dem harten Wind des Alltags zu trotzen in der Lage wäre. Ostern, auch wenn wir es allerorts noch als Folklore feiern, wird wohl noch warten müssen.
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