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Wer etwas erreichen möchte, versucht gleichgesinnte um sich zu sammeln, eine Gruppe, eine Gemeinschaft aufzubauen, denn gemeinsam, das weiß man mittlerweile bereits im Kindergarten, gemeinsam ist man stark.
Wir lernen es seit Kindesbeinen. Gruppenarbeit, Teamfähigkeit, sich ein- und unterzuordnen und mit anderen zusammen für eine bessere Welt einzutreten. Wer sich nicht einordnen lässt, wer außerhalb steht (und stehen will!), wer auf Gruppen skeptisch reagiert, der verliert den Halt der Gesellschaft, die Unterstützung und das Wohlwollen.
Meistens geht es in Gruppen um das gute Gefühl. Wir werden getragen, müssen uns nicht allein dem Gegenwind aussetzen, wir feiern, trinken, spielen, hören Musik, lassen uns treiben und tauchen im wohligen Gefühl einer harmonischen Verantwortungslosigkeit ab.
Beste Beispiele sind Massenevents. Konzerte, Fußballspiele, selbst Demonstrationen, in denen es nur äußerlich um Themen geht, innerlich aber um Zusammenhalt, um den Kampf gegen das Böse, welches immer in anderen Gruppen, oder einfach nur außen verortet wird. Und so ist man sich sicher auf der richtigen Seite zu stehen, mit all den anderen Mitgliedern, vom Handwerker bis zum Professor, die ja schon wissen werden, was sie tun.
Doch so harmlos ist das nicht.
Gruppen entwickeln immer eine eigene Dynamik, die ihre Individuen mitreißt, sie sie zu Verhalten leitet, welches sie selbst nie für sich gesehen zeigen würden. Meistens sind es Gruppen, die Einzelne diskriminieren – oder zumindest Menschen, die sich vor einer Gruppe profilieren wollen. Im Überschwang der Gruppendynamik lassen sich viele Dinge sagen und tun, für die man sich insgeheim schämen würde, wenn man sie denn reflektieren müsste.
Gruppen stehen auch nicht für sich. Sie werden von außen wahrgenommen, sie werden erzeugt, zerstört und gelenkt. Wer mit Gruppen arbeitet, steht selbst außen. Egal wie die Hierarchie innerhalb einer Gruppe funktioniert, die letzten Impulse, und wenn sie von der Leitung kommen, sind nicht Teil der Gruppe. Manipulation ist das Kerngeschäft jener, die sich mit gruppendynamischen Prozessen befassen, seien es Soziologen, Pädagogen oder einfach nur Werbetreibende. Und in welcher unguten Tradition sie oft stehen, wird selten reflektiert.
Es sind die Gruppen, die dafür sogen, dass der Einzelne schon längst seine Würde verloren hat. Nicht als Person, aber in der gesellschaftlichen Wahrnehmungen. Parteien machen Politik, nicht Menschen. Und die Prozesse, die dafür sorgen, wie Parteien aufgestellt sind, dürfte jeder schnell erkennen, der sich unsere Parteienlandschaft ansieht.
Der Einzelne wird zur zu Werbezwecken individuell behandelt, ist er einer Gruppe einmal beigetreten, wurde er verschlungen. Das ist beim Einkauf so, wo das Individuum zum Kauf beworben wird, ist es einmal Kunde, zählt es nur noch in der Masse zum Melken – aber nicht nur dort. Firmen geben viel Geld aus, neue Mitarbeiter zu werben und wenn sie den Vertrag unterschrieben haben, wenn sie zum „Wir“ gehören, werden sie nur noch als Ressource gesehen und genutzt.
Das Feld der Gruppen ist weit. Wir kennen Ethnien, Menschen aus Kontinenten, Ländern oder Regionen, wir kennen Religionen, Weltanschauungen oder Menschen die nach Mode, Körpermerkmalen und vielem anderen gruppiert werden. Man kann sich dem oft nicht entziehen. Wenn ich ins Ausland fahre, werde ich als Deutscher erkannt und egal wie ich mich benehme – erst einmal bin ich der Gruppe nach klassifiziert worden.
Genau das wird mittlerweile professionell analysiert und gelenkt. Wer glaubt, Wahlen würden den Wählerwillen widerspiegeln, der ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen, denn heute werden Stimmungen und Meinungen „gemacht“. Gruppen werden verängstigt, gegen andere aufgestachelt, es werten Themen konstruiert die Stimmungen erzeugen und wie im Spiel werden Gruppen aufeinander losgelassen: vor allem in Wirtschaft und Gesellschaft.
Ändern können wir das nicht. Aber wir können es reflektieren. Wir können uns partiell aus dem Fluss der immer wieder neuen Moden unterworfenen Gruppierungen herausnehmen und einen Teil von Verantwortlichkeit für das eigene Leben zurückgewinnen. Wir können uns den Anliegen auch vertrauter Gruppen entsagen und vor allem: Wir können es vermeiden, zum Durchsetzen unserer Interessen eigene Gruppen als Hebel bilden zu wollen.
Denn sterben werden wir allen. Und niemand wird sagen – er war immer ein guter Mitläufer, dass seine Partei blut an den Händen hat, dafür hat er ja nichts gekonnt.
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