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Wenn jemand argumentativ nicht mehr weiter weiss, aber über den nötigen Bildungshorizont verfügt, dann fragt er nach Quellen. Nicht, dass er eine Quelle jemals auf Plausibilität hin verfolgen würde oder dass er sich für den Inhalt überhaupt interessiert, der Ruf nach Quelle ist eher als eine Art „Totschlagargument“ zu verstehen, wenn einem etwas nicht passt und man nicht zu entgegnen hat, dann versucht man dem Gesprächspartner wenigstens so viel Arbeit wie möglich zu machen.
Natürlich ist es nicht ohne Grund wissenschaftlicher Standard, dass man Aussagen belegt. Saubere Zitate, die Nennung von Urhebern, auch von Gedanken, ist nicht nur eine Form der Höflichkeit, sondern für den Leser ein wertvolles Mittel, sich zu orientieren und Beiträge in einen historischen oder weltanschaulichen Zusammenhang zu bringen. Doch Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Form, so dass man heute fragen muss, ob die herkömmliche Art des Zitierens ihren praktischen Nutzen nicht längst verloren hat.
Zum einen ist es offensichtlich, dass sich gerade in Geisteswissenschaften nicht wenige Lehrstühle befinden, deren primäre Ausrichtung ganz offensichtlich dem Geldgeber, bzw. dem politisch Verantwortlichen folgt. Klassisches wissenschaftliches Arbeiten verhindert nur selten Fehler, die schon seit Generationen tradiert werden. So kursieren Geisterzitate durch Arbeiten, Fehler ziehen sich von Zitat zu Zitat und nicht selten versucht jemand seine Arbeit im Nachhinein noch mit ein paar Quellen anzureichern, was heute mit modernen LLM kein großer Akt mehr ist. Bestenfalls schlägt man die Vorschläge noch einmal nach, aber selbst das ist oft nicht zu erwarten.
Überhaupt: Wer schreibt eine größere Arbeit denn noch in aller Konsequenz von Hand, wenn man die KI-Agenten auf Suche schicken kann, wenn diese Gliederungen, bis hin zu fertigen Formulierungen vorschlagen und natürlich auch die passenden Quellen liefern? Eine Quellenangabe sagt heute weder, dass jemand den zitierten Text zur Hand hatte, noch dass er aufgrund eigener Recherche entstand. Die Zeiten dürften endgültig vorbei sein.
Was also wäre zu tun?
Zuerst einmal plädiere ich für ein Bekenntnis zum Selberschreiben. „Unabhängigkeit“ wäre hier das Stichwort. Das bedeutet implizit eine Verabschiedung von der Vorstellung, man könne in allen Belangen ein „Faktenwissen“ herausarbeiten oder es ginge in Artikeln und Arbeiten immer nur darum, innerhalb schon gedachter Bahnen kleine Nuancen zu spezifizieren.
Viel wichtiger ist es, einen Gedanken in den Blick zu nehmen. Das kann durchaus wörtlich gemeint so sein, dass man eine Beobachtung zum Gegenstand nimmt, aber auch das Hörensagen oder ein wie auch immer gearteter Aussagesatz kann am Anfang stehen, wenn man sich mit einem Thema beschäftigen will. Dabei ist das klare Aussprechen eines Gedankens oft gar nicht so einfach, wie man denken mag.
Viel lieber hören wir auf Beiträge und Schlagzeilen von Prominenten, als eigene Erfahrungen und eigene Ansätze kritisch zu durchdenken. Es ist mühsam und riskanter, mit eigenen Themen und eigenen Einordnungen an andere heranzutreten, denn so gibt man viel von sich preis und geht das Risiko ein, von anderen abgekanzelt oder gar der verlacht zu werden.
Wir haben verlernt, eigene Gedanken im Diskurs zu schärfen, anderen zuzuhören und bessere Argumente zu übernehmen ohne sich von Autoritäten einschüchtern zu lassen und auch bei Gegenwind den eigenen Kurs zu verfolgen, solange man ihn selbst für plausibel hält. Am Ende bleibt – ganz aristotelisch – immer das eigene Urteil über die Plausibilität der Prämissen und die Stringenz der Schlüsse. Quellen verschieben diese Prüfung nur um eine Ebene; sie ersetzen sie nicht.
Die Fähigkeit, zu streiten, Gegensätze auszuhalten und immer wieder am eigenen Erkenntnisstand zu arbeiten, wird immer mehr eine Kernqualifikation der Zukunft werden. Wenn wir uns ein eigenes Bild machen wollen, wenn wir uns nach Kräften von Mechanismen der Massenmanipulation aus Werbung und Politik lösen wollen und nicht vorhaben, im Dschungel der Informationen hoffnungslos unterzugehen, plädiere ich dazu, weniger auf alte Formen, etablierte Institutionen und Autoritäten zu vertrauen, sondern wieder zu beginnen, Gedanken selbst zu durchdenken.
Das setzt natürlich Gesprächspartner voraus, die bereit sind, Argumente statt Autoritäten gelten zu lassen und auch mal über einen längeren Zeitraum hin einem Gedankengang zu folgen, der nicht der eigene ist. Solche Menschen findet man aber selten; um so wichtiger ist es, sie bewusst zu suchen oder selbst kleine Zirkel zu schaffen, in denen wieder eine streitbare, aber faire Auseinandersetzung gepflegt wird.
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