Alle reden über KI


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Künstliche Intelligenz (und was Intelligenz bedeutet, ist für die meisten Redner überhaupt noch nicht definiert) ist in aller Munde. Jeder, der einen Computer bedienen kann, hat sich schon mit sogenannten LLM (Large Language Models), wie die beliebten Chatbots heißen, mit Grafik, Musik oder anderen KI-Systemen beschäftigt.

Dabei ist eine ganze Industrie an Coaches, Promtern und spezialisierten Beratern entstanden, die schon zu Beginn einen neuen Goldrausch vermuteten und die nicht müde werden, ihre neusten Erkenntnisse als „must have“ für jene anzubieten, die keinen Trend verpassen wollen und deren ständiger Begleiter die Angst ist, den Anschluss zu verlieren.

Ehrlicherweise muss man allerdings zugeben – den Anschluss hat mittlerweile so gut wie jeder verloren, und das nicht erst seit heute, sondern mindestens seit 3 Jahren. Nicht nur jene, für die das Internet immer noch Neuland ist, auch und gerade die oben beschriebenen Coaches mit ihren innovativen Geschäftsideen rennen einem längst abgefahrenen Zug hinterher.

Während die einen von der Behäbigkeit deutscher Unternehmen leben, indem sie ihnen Leistungen verkaufen, die ohne großen Aufwand auch frei verfügbar sind, schüren die anderen Befürchtungen vor einem KI-Zeitalter, in dem eine allwissende und unkontrollierbare Superintelligenz (ASI) das Ende der Menschheit einläute und es vor allem darum ginge, der Entwicklung Einhalt zu gebieten und bestenfalls alles rückabzuwickeln.

Was meines Erachtens aber viel zu wenig diskutiert wird, sind die Implikationen der neuen Technik auf die menschliche Gesellschaft – auf die Art unseres Zusammenlebens, der Wertschöpfung sowie auf Kunst und Kultur.

Nicht wenige Tätigkeiten, die wir bisher für unverzichtbar hielten, sind angezählt. Um das zu sehen, brauchen wir unseren Blick nicht einmal auf zukünftige Robotik zu werfen, Alltagserfahrungen reichen aus.

– Wer wird im Krankheitsfall zukünftig auf menschliche Interpretationen von Röntgen- oder Ultraschallbildern vertrauen, wenn Rastererkennungen in einem Bruchteil der Zeit kleineste Unregelmäßigkeiten im Abgleich mit einem unermesslichen Datenpool herausfinden?

– Sind wir uns wirklich noch sicher, dass Fahrzeuge von Menschen ausfallsicherer gesteuert werden, als es eine KI mit ausreichenden Sensoren könnte?

– Wer möchte sein Geschäftsmodell in Workshops mit teuren externen Beratern diskutieren, wenn man alle Optionen bequem mit den KI-Agenten seiner Wahl treffen kann?

Derartige Beispiele gibt es zahlreiche und wenige Branchen sind davon ausgenommen. Die Frage, welche Tätigkeiten übrigbleiben, um das Einkommen der Bevölkerung zu ermöglichen, wird viel zu selten gestellt. Meist hört man den wagen Hinweis, dass neue Technologien immer auch neue Tätigkeitsfelder eröffnet haben, welche das in diesem Fall sein werden, wird dabei aber nicht genannt.

Viele weisen darauf hin, dass Menschen als Impulsgeber und für besonders qualitative Arbeiten immer notwendig bleiben werden, doch ist es auch heute bereits so, dass viele gern auf Qualität verzichten, wenn es dadurch günstiger wird. Zudem ist ein Großteil der Beschäftigungen abhängig von Moden oder traditionellen Verhaltensweisen, die einer gesellschaftlichen Umwälzungen nicht lange standhalten. Nehmen wir mal das Beispiel einer Agentur, deren Kerngeschäft das Erstellen von Webauftritten ist:

In der Regel gibt es standardisierte Prozesse, die vom Erstkontakt über die Anforderungsaufnahme zur Umsetzung führen. Dazu gehören Systeme, mit denen die Software installiert und entwickelt wird, Schnittstellen zu Systemen für Kundenverwaltung, Buchhaltung, Produktion und vieles mehr. Heute sind das oft nicht zu unterschätzende komplexe Zusammenhänge, die oft über Jahrzehnte gewachsen sind und für die es keine einfachen Lösungen gibt. Und wie könnte so etwas zukünftig aussehen?

Erst einmal sollten wir uns davon lösen, dass jemand ein System baut, um Ein- und Ausgaben für Anwender zu gestalten. Man wird zukünftig vieles sprachlich regeln, denn das ist seit Beginn an die Art, wie sich Menschen primär ausdrücken. Ein Softwarehersteller wird nicht wissen, ob jemand eine Anfrage als Statistik sehen will, als Text ausgearbeitet bekommen will oder ob er sich die Information im Gespräch erschließen will.

Wer beispielsweise abends in einer fremden Stadt unterwegs ist, könnte seinen KI-Assistenten über ein Headset fragen, ob es fußläufig ein griechisches Restaurant gibt. Der Assistent würde ihm drei Möglichkeiten nennen und ihm auf Nachfrage mitteilen, mit welchen Preisen er rechnen muss, er kann die Speisekarte zusammenfassen, Bewertungen mitteilen und eine Einschätzung abgeben, ob Kinder willkommen sind oder nicht. Passt das Angebot, kann der Assistent gleich einen passenden Tisch reservieren, ohne dass in dem Betrieb mit irgendjemandem gesprochen wurde. Keine Servicekraft musste ans Telefon, niemand hat etwas in Listen zur Tischbelegung nachgeschlagen und es hat auch keiner den neuen Gast im System eingetragen. Dennoch ist der Tisch reserviert, als der neue Gast 15 Minuten später im Restaurant eintrifft.

Für die oben genannte Agentur ist das ein Problem, denn eine Website braucht es nicht. Die Speisekarte, den Tischbelegungsplan und was sonst nötig ist, kann eine Standardschnittstelle bereitstellen und wenn der Kunde doch eine Seite sehen will, kann sie direkt auf Anfrage konkret nach Wunsch des Kunden generiert werden, als Tabelle oder wenn der KI-Assistent den Anwender kennt, auch mit Graphiken und Blümchen, die ihm gefallen.

Dieses kleine Beispiel zeigt, dass es in vielen Bereichen nicht mehr darum gehen wird, Prozesse zu optimieren, besonders gut in dem zu sein, was man bisher gemacht hat, sondern dass es ein grundsätzliches Umdenken braucht:

Wohin geht die Entwicklung?

Was werden wir zukünftig brauchen und was nicht?

Wie werden wir Mehrwert generieren?

Können wir die Art wie wir wirtschaften aufrechterhalten?

Welche neuen Konzepte gesellschaftlichen Zusammenlebens und Wirtschaftens sind zu erwarten und vor allem: Was für Weichen stellt der Gesetzgeber und wie gedenken die politisch Verantwortlichen unsere Gesellschaft mit diesen Vorbedingungen zukunftssicher zu gestalten?

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

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