Buchvorstellung: Eine Monographie über Gómez Dávila

Vielleicht die zeitgenössischste Form sich philosophisch auszudrücken ist der Aphorismus. Wir lesen diese kleinen Sätze in Bussen, Bahnen und allen möglichen Stellen an denen sich eine Agentur austoben kann, sie sind oft einprägsam schnell gelesen und man fühlt sich anschließend oft um eine Erkenntnis reicher. Powerpoint-Denken. Alles wichtige auf einen Punkt gebracht, am besten so präsentiert, dass man ohne Anstrengung die kompliziertesten Fragen durchschaut.

 

Auch die immer häufiger werdenden Zitate des kolumbianischen Philosophen Gómez Dávila passen auf den ersten Blick möglicherweise in dieses Schema, doch merkt man bei einer Beschäftigung mit dem Autoren schnell, dass hier eher das Gegenteil der Fall ist. Herausgearbeitet hat dies in einem prosaischen Werk Historiker und Literat Till Kinzel in seinem Buch: „Nicolás Gómez Dávila – Parteigänger verlorener Sachen“

Anschaulich zeigt er dort, warum eine Philosophie in der heutigen Zeit nicht mehr als scholastisches Gesamtwerk daher kommen kann, sondern der fragmentarischen Erscheinung der Welt Rechnung tragen muss. Dávilas Aphorismen entsprächen somit als Fragmente der Offenheit jeglichem Systems, welches nicht als Antwort sondern als Anfrage den eigentlichen Denkimpuls zum Ausdruck bringt.

Als bekennender „Reaktionär“, also jemand, der sich der Gegenaufklärung verpflichtet fühlt und sein Denken vor allem in der klassischen Antike verankert weiß, führt Dávila die Enge modernen Denkens und dessen vor Augen, wobei er zentrale philosophische Gebiete streift. Das Buch bietet manche neue/alte Perspektive und dürfte nebenbei wohl in der Lage sein, auch einmal die ewigen „beruflichen Provokateure“ aus der Reserve zu holen, wenn gerade auf den vermeintlich gewonnenen Schlachtfeldern der Moderne, angefangen von einer säkularen Ethik über die Anthropologie und Sexualität bis hin zum Bildungswesen äußerst unpopuläre Standpunkte vertreten werden. Ein paar von ihnen habe ich unten aufgelistet, im Gegensatz zu Kinzels Monographie hier allerdings für sich allein sprechend:

  • „Wer sich damit brüstet, er habe ‚viel erlebt‘, sollte besser schweigen, um uns nicht erkennen zu lassen, dass er nichts begriffen hat.“
  • „Was in der Philosophie nicht Fragment ist, ist Betrug“
  • „Das Ende der Ideologien“ sei der Name, mit dem man den Sieg einer bestimmten Ideologie feiere
  • „Wir dürften nicht beabsichtigen, den klugen Gedanken dem klug erscheinen zu lassen, der es selbst nicht ist“
  • „Die Ideen erschrecken und emigrieren von dort, wo man sich entschließt, im Team zu denken“
  • „Nietzsche als eine Antwort lesen heißt, ihn nicht verstehen. Nietzsche ist eine immense Frage.“
  • „Denken ist eine pausenlose Zwiesprache mit verstorbenen Gesprächspartnern“
  • „Niemand denkt ernsthaft, solange ihm die Originalität wichtig ist“
  • „ausschließliche Lektüre von Zeitgenossen lässt einem das Gehirn verdorren“
  • „Einzig und allein minderwertige Werke zu bewundern oder einzig und allein Meisterwerke zu lesen, kennzeichnet den ungebildeten Leser“
  • „In einer ehrwürdigen Universität müsste die bloße Erwähnung eines zeitgenössischen Problems verboten sein.“
  • „Die Idee der ‚freien Entfaltung der Persönlichkeit‘ scheint ausgezeichnet, solange sie nicht auf Individuen stößt, deren Persönlichkeit sich frei entfaltet hat.“
  • „Der Irrtum ist weniger gefährlich als die ungebührliche Verbreitung einer offensichtlichen Wahrheit“
  • „Es lohnt sich nicht, etwas zu schreiben, das der Leser zunächst nicht für falsch hält“
  • „Der Rationalismus ist nicht Ausübung der Vernunft; er ist das Ergebnis bestimmter philosophischer Unterstellungen, die den Anspruch erhoben haben, mit der Vernunft eins gesetzt zu werden“
  • Alle Weisheit besteht darin, mit Ernsthaftigkeit und auf frische und tiefe Weise die Gemeinplätze zu durchdenken.
  • „Die Parteigänger einer Sache sind in der Regel die besten Argumente gegen sie“
  • „Der Moderne ist der Mensch, der vergisst, was der Mensch vom Menschen weiss.“
  • „So finde ich keine pädagogische Idee, die nicht schon im pseudo-plutarchischen Traktat über die Erziehung enthalten sei“
  • „Der Fortschrittler triumphiert immer und der Reaktionär hat immer recht. Recht haben heißt in der Politik nicht, die Szene zu beherrschen, sondern vom ersten Akt an die Leichen des fünften vorherzusagen.“
  • „Der Mensch ist eine weit entsetzlichere Bestie“
  • „Wer die Revolution verteidigt zitiert Diskurse; wer sie anklagt, zitiert Tatsachen.“
  • „Jede Ethik endigt in Pelagianismus, jeder Pelagianismus in Deismus, jeder Deismus in der Beisetzung Gottes“
  • „Die Ordnung ist Täuschung. Aber die Unordnung ist keine Lösung.“
  • „Trotz allem was heute erzählt wird, löst der Beischlaf nicht alle Probleme“
  • Einen Fortschritt im eigentlichen Verstande gebe es jedoch nur beim Einzelnen, der an sich arbeitet und sich um seine Seele sorgt – und dieser Fortschritt endet unwiderruflich mit dem Tode.
  • „Wo das Christentum verschwindet, erfinden Habsucht, Neid und Geilheit tausend Ideologien, um sich zu rechtfertigen“
  • „Die radikale Verleugnung der Religion ist der dogmatischste aller religiösen Grundsätze“
  • Das Kauderwelsch, das durch das Konzil (Vatikanum II) entfesselt worden sei, habe geradezu den hygienischen Nutzen des Heiligen Offiziums (Inquisition) bewiesen.
  • „Der fortschrittliche Katholik sammelt seine Theologie aus dem Mülleimer der protestantischen Theologie“
  • „Die Türme der Kirche von heute hat der progressive Klerus nicht mit dem Kreuz, dafür aber mit der Wetterfahne geziert.“
  • Doch im Letzten steht und fällt das Christentum damit, daß Jesus der Christus ist; wäre Jesus nicht der Christus, dann verlöre das Evangelium jede Autorität; wenn aber Jesus der Christus ist, dann postuliere das Evangelium eine Christologie, so daß das Evangelium allein für das Christentum nicht genüge.
  • „Der Katholik, den das Los der Kirche mit Besorgnis erfüllt, hat aufgehört, Katholik zu sein.“
  • „Das Böse kann nicht siegen, wo das Gute nicht schal geworden ist“

Um einen besseren Eindruck der Arbeit Kinzels über Dávila zu vermitteln und zugleich auch den Philosophen ein wenig jenseits der Aphorismen zu skizzieren, zitiere ich im Folgenden einen Teil des fünften Kapitels: „Das Politische in der Moderne – die Demokratie in der Kritik.

Zitat:
Angesichts der allseits diagnostizierten Beschleunigung gesellschaftlichen Wandels gewinnt gerade der Konservativismus eine neue Dimension und Notwendigkeit. die Auffassung derer gewinnt an Plausibilität, welche die Rechtfertigungszwänge denjenigen aufbürden möchten, die etwas verändern wollen, nicht aber denen, die für den Erhalt bestimmter Dinge eintreten (Hermann Lübbe). Konservativismus erweist sich dabei weniger als das heilige Gesetz der Theorie; vielmehr ist er eine weise Maxime der (üblichen) Praxis, die es freilich stets neu zu überdenken gilt. Für Gómez Dávila sthet eine solche Haltung allerdings unter einem grundsätzlichen Vorbehalt: „Der Reaktionär wird nur in den Epochen ein Konservativer, die etwas bewahren, was es wert ist, erhalten zu werden“ (E II 52/EGT 88/ETI 160). somit konnte Burke „noch Konservativer sein“, weil zu seiner Zeit noch erhaltenswerte Traditionsbestände existierten, die der „Fortschritt“ seitdem zunichte gemacht hat (SE 126/AB 72). Der Konservative, der die spezifischen Charakteristika als Symptome der Krankheit sieht, die er bekämpft, müsse daher zum Reaktionär werden. Bereits Nietzsche, einer der großen Denker der Rechten, war zugleich ein scharfer und unbarmherziger Kritiker der Konservativen, und so meldet auch Gómez Dávila seine kritischen Bedenken gegenüber manchen Konservativen an, die nur aus Not welche wurden: „Bei jenen, die nur die Erfahrung zu Konservativen gemacht hat, machen sich schnell die liberalen Eselsohren bemerkbar“ (NE II 36/VP 152; vgl. ETI 211). Es gebe zwei klar unterschiedene Arten von Konservativen. die einen sind Konservative aus Trägheit des Geistes, deren Selbstzufriedenheit sie daran hindert, sich irgendeine Veränderung herbeizuwünschen. Zur zweiten Klasse gehörten dagegen die wahren Skeptiker oder jene, die von einer uneingeschränkten Notwendigkeit zu denken bezwungen werden. Vor allem diese letzteren benötigten die äußere Ruhe, da sie nicht in der Lage seien, zugleich die Ungewißheit, die Unordnung, die Unruhe und das Chaos ihrer Gedanken und der Welt zu ertragen (N 140). Es dürfte evident sein, daß Gómez Dávilas eigene Haltung der des skeptischen und denkenden Konservativen nahekommt. Der Reaktionär bestimmt seine Position zudem im Kontrast zu der des Fortschrittlers und des Konservativen, indem er auf die unterschiedliche Haltung gegenüber der Geschichte verweist. Denn der Reaktionär akzeptiert die Geschichte nicht als Maßstab, weder des Vergangenen noch des Kommenden (RA 19).

Daß der Reaktionär kein Linker ist und sein kann, versteht sich von selbst. Denn in der Moderne gehöre ohnehin fast jeder der Linken an (SE 115/AB 66). Die fortschrittliche Linke sei geradezu prädestiniert für den Konformismus (SE 161/AB92). Zudem müsse man ernsthaft an der intellektuellen Substanz der Linken zweifeln, wie eine etwas süffisante Glosse zeigt: „Das Linksparteilertum der Mehrheit der Linksparteiler ist ganz und gar verständlich, doch ein intelligenter Mensch mit linken Ideen sollte ernsthaft sein Gewissen prüfen“ (NE II 106/VP 195). Die Linke hat aber, wie sogleich hinzugefügt werden muß, das Recht auf politische Idiotien nicht gepachtet. Entgegen dem landläufigen Urteil ist der Reaktioär deshalb auch nicht identisch mit dem Rechten. Denn auch der Rechte ist Teil und Erbe jener spezifisch modernen Politik, die aus der Geburt der Ideologie als bestimmender Faktoren des menschlichen Zusammenlebens resultiert. Das Faktum der Ideologien, die die Massen ergreifen und zur materiellen Gewalt werden, ist dem Reaktionär ein Greuel, und zwar unabhängig davon, ob die solchermaßen verbreitete ideologische Interpretation des Menschen und seiner Geschichte als „rechts“ oder „links“ figuriert. Gómez Dávila versucht daher, die Position des Reaktionärs im Verhältnis zur Linken und Rechten anschaulich zu machen: „Die Linke nennt jene Leute Rechtsparteiler, die bloß rechts von ihnen sitzen. Der Reaktionär befindet sich nicht auf der rechten Seite von den Linken, sondern gegenüber“ (NE II 24/VP 144). Deshalb kann der Reaktionär eine Position einnehmen, die gleichsam von außen auf die Programme und ideologischen Alternativen blickt und so deren Schwächen ans Licht bringt: „Die Alternative, die derjenige anpreist, der mit der Linken nicht konform geht, ist ebenso unannehmbar wie die, die er verwirft“ (NE II 24/VP 144). Aus der Perspektive des Reaktionärs wird die Linke durch das Laster der Lüge bedroht, die Rechte hingegen durch das Laster des Zynismus (SE 63/AB 36), und zwar nicht zuletzt wegen ihrer düsteren Anthropologie, die sich selbst als Realismus mißversteht (vgl. SE 59/AB 34). Gómez Dávila bedauert, daß die Linken den Reaktionären die Ideen und die Rechten ihnen das Vokabular stehlen (NE II 29/VP 147), woraus erhellt, daß die Übereinstimmung des Reaktionärs mit der Rechten tatsächlich auf der Erzeugung eines unzutreffenden Scheines beruht, nicht auf einer tieferen Gemeinsamkeit gedanklicher oder weltanschaulicher Art. Der Reaktionär ist so das gemeinsame Feindblild der Linken wie der Rechten, die gleichsam einen geheimen Vertrag geschlossen hätten, einen permanenten Angriffskrieg gegen ihn zu führen (E II 499). das reaktionäre Denken ist das unzeitgemäße Denken schlechthin, weil es ein Denken jenseits der politischen Lager ist: Im Ernstfallsteht der Reaktionär allein auf weiter Flur.

Die Kritik der Linken, auf die zunächst der Blick gelenkt werden soll, ist jedoch grundlegender als die an der Rechten, weil die Liunke im Grunde die Prinzipien der Moderne auf eine Weise verkörpert, daß sie in ihr gleichsam die logische und somit reine Form erreichen. Die Rechte unternimmt dagegen den Versuch, sich gegen die letzten Konsequenzen der von ihr selbst geteilten Prinzipien zur Wehr zu setzen. Die Linke indes denkt die Konsequenzen der Moderne bis zur Absurdität zu Ende, hat aber unzweifelhaft die innere Logik der Moderne auf ihrer Seite. Dies spiegelt sich politisch in der Tatsache, daß zwischen den proklamierten Zielen der Linken, die noch stets den Bonus des „Guten“ für sich zu reklamieren vermögen, und den tatsächlichen Resultaten der linken Politik eine tiefe Kluft besteht. Gómez Dávila radikalisiert die kritische Sicht auf das Projekt der Linken allerdings auf eigene Weise. Nicht die Tatsache, daß die Linke andere Ergebnisse als das von ihr Proklamierte hervorbringt, inst das Problem. Nein: Das Problem bestehe gerade und vor allem darin, daß die Linke durchsetze, was wie proklamiert. „Das wahre Desaster der Linken wird offenbar“, so sagt Gómez Dávila, „wenn sie hält, was sie verspricht“ (SE 139/AB 79). Ebenso charakteristisch für den Linken ist, daß er für vorzeichen des Guten hält, was in Wirklichkeit solche des Verderbens sind (SE 178/AB 102). die Linke, so Gómez Dávilas vernichtendes Urteil, morde zwar nicht immer, immer aber lüge sie (SE 109).

Gleichwohl: Der Linke, der sich revolutionären Illusionen hingegeben hat, ist keineswegs hoffnungslos verloren. Vielmehr bestehe auch und gerade bei diesem ein Keim des Guten, der ihn reaktionär werden lassen könnte, sofern er nur bereit ist, die Wirklichkeit in den Blick zu nehmen: „Der überzeugendste Reaktionär ist der reuige Revolutionär, das heißt: derjenige, der die Realität der Probleme kennengelernt und die Lügenmärchen der Lösungen erkannt hat“ (NE II 24/VP 145). Der Linke, der sich einen Wirklichkeitssinn und eine Abscheu vor Doppelmoral bewahrt hat, wird leicht zum Reaktionär, und zwar über den unbequemen Umweg, von seinen Genossen zu einem solchen erklärt zu werden: „Den Linken, der gleichermaßen gegen linke und gegen rechte Verbrechen protestiert, nennen seine Kameraden mit Recht reaktionär“ (E II 496/EGT 167).

Der Reaktionär macht die Demokratie der modernen Welt für den verhängnisvollen Verlust nicht-demokratischen, vor allem der aristokratischen Umgangsformen verantwortlich, ein Vorgang, der gerade jene Hilfsmittel vernichtet, die dem Umgang der Menschen untereinander Form und Gestalt geben, worauf bereits Alexis de Tocqueville hingewiesen hatte. Die Schriften Gómez Dávilas zeigen eine aristokratische Kultiviertheit der Seele und eine an den alten Sprachen geschulte Bildung, die als Abglanz einer unwiederbringlich verlorenen Welt erscheint. Dávila steht in der auf Platon zurückgehenden Tradition, der gemäß es nicht nur an sich verkehrt ist, wenn man sich nicht schön ausdrückt, sondern es auch schädlich auf die Seelen wirkt. Die ererbte Tradition ist hier nicht zur „Kultur“ versteinert, sondern auf erregende Weise lebendig, und zwar bis ins Seelisch und Körperliche hinein. „Kultiviert ist nicht der Mensch, der lediglich seine Intelligenz geschult hat, sondern jener, der die Regungen seiner Seele und selbst die Gesten seiner Hände geschult hat“ (NE II 176/VP 238/ETI 401). Das Unzeitgemäße seines Denkens – ein unzeitgemäßeres Denken als das reaktionäre ist schlechterdings nicht denkbar – vermag eben deshalb eine Denkbewegung in Gang zu setzen, die nicht nur eine Hinführung zur Frömmigkeit des Denkens bedeutet. Vielmehr noch bedeutet es eine Einübung in ein Philosophieren jenseits der Systeme, ein Selberdenken, das einem Zusammenprall entspringt; einem Zusammenprall der harten und treffsicheren Geschosse Gómez Dávilas mit dem, was uns so selbstverständlich erscheint, daß wir nicht einmal mehr Argumente dafür vorzutragen für nötig gehalten haben.

Dies gilt vor allem für Gómez Dávilas scharfe und beunruhigende Kritik der Demokratie, die diametral dem entgegengesetzt, ist, was der Bürger einer westlichen Demokratie als richtig und gut aufzufassen gelernt hat. Ist nicht die Demokratie eine der wichtigsten Errungenschaften eines bis heute unvollkommenen Zivilisationsprozesses? Bietet nicht allein die Demokratie die Gewär, daß das Leben der Gesellschaft im Hinblick auf die Achtung der Menschenwürde organisiert wird? Läßt sich das politische Gut der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit anders als in demokratischer Form sichern? Man wird diese Fragen nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen, wenn wir im folgenden Gómez Dávilas Demokratiegebriff etwas näher betrachten. Bevor der Leser der reaktionären Demokratiekritik allerdings in wohlfeile, wenn auch verständliche Empörung ausbricht, sollte er sich in Erinenrung rufen, was auf ihre Weise so grundverschiedene Denker wie der Liberale Karl Popper auf der einen, der politische Philosoph Leo Strauss auf der anderen Seite zu diesem Problem gesagt haben. Popper wie Strauss erinnern daran, daß nicht jeder Kritiker der Demokratie notwendigerweise ihr Feind sei. Zudem sollte man um die Kritik der Demokratie richtig einzuschätzen, nicht außer Acht lassen, daß diese Kritik aus Sorge um die Freiheit erwachsen kann, aus der Sorge um die totalitäre Entartung der Demokratie .Sowohl die Demokratie wie Liberalismus können zu negativen Konsequenzen der verschiedensten Art führen, wenn die Bedingungen ihrer vernünftigen Entfaltung mißachtet werden. Gómez Dávila greift der Sache nach eine Diagnose des platonischen Sokrates in der Politeia auf, wenn er etwa auf folgenden Umstand verweist: Der Liberalismus (der ja das Ziel der Freiheit in seinem Namen trägt) ziehe schlechte Folgen für die Freiheit nach sich, weil (und nicht nur insofern!) er diejenigen Beschränkungen der Freiheit ignoriere, welche ihn vor der Selbstzerstörung bewahrten (SE 127). Die wenigen Parteigänger der Freiheit, die im 20. Jahrhundert geblieben waren, hätten so meist eine unverzichtbare Voraussetzung der Freiheit vergessen, nämlich das Privateigentum (SE 101/AB 59) Gómez Dávila, der sehr wohl zwischen einer liberalen, individualistischen sowie einer kollektiven und despotischen Demokratie unterscheidet, hält allerdings die Umwandlung der ersten in die letztere nicht für eine Entartung im eigentlichen Sinne. Denn die liberale Demokratie enthalte im Kern bereits die despotische: als eine mögliche historische Entwicklung sowie zugleich als eine notwendige theoretische Konsequenz (T83/71). Die Ablehnung der demokratischen Doktrin ist aus dieser Perspektive denn auch der letzte kärgliche Zufluchtsort der menschlichen Freiheit. Die Reaktion ist daher eine notwendige Rebellion, weil sie eine Rebellion gegen die Demokratie im Namen der menschlichen Freiheit ist. Jede andere Form der Rebellion sei in seiner Zeit, schreibt Gómez Dávila 1959, nichts als eine heuchlerische und billige Farce (T 100/84). Das reaktionäre Denken ist gleichsam „ein Mahnschrei nach konkreter Freiheit“, der gegen den Despotismus gerichtet ist, welcher aus dem Verlangen nach abstrakter Freiheit hervorgeht (NE 97/VP 63). Die Verteidigung der Religion gegen den Atheismus der Demokratie in Gómez Dávilas Sinne läßt sich vor diesem Hintergrund nachvollziehen, denn Gómez Dávila teilt die Auffassung Montesquieus, daß die Despotismen allein im religiösen Bewußtsein auf einen Unüberwindlichen Widerstand träfen (NE II 32/VP 149)
[…]

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

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