Eiter im „mystischen Leib Christi“

Stellen Sie sich vor, Sie wollen in ein Kloster eintreten; ein Leben in besonders enger Nachfolge Christi antreten.

Sie wollen enthaltsam leben, auf Ehe und Kinder verzichten. Sie lieben die Liturgie, die Nähe zu Christus im Sakrament, sie haben die Gemeinschaft kennen gelernt, erst im Postulat, dann im Noviziat, haben die zeitliche Profess abgelegt und können sich vorstellen, dem Orden ein ganzes Leben lang treu zu dienen.

Stellen Sie sich auch vor, dieser Orden unterhält eine Reihe caritativer Einrichtungen, unter anderem ein Heim für Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Diese vermittelt der Orden gewerbsmäßig an Priester und Politiker für sexuelle Dienstleistungen bis hin zu Orgien. Die Kinder werden durch körperlichen Druck in einem permanenten Zustand der Angst gehalten. Es soll auch vor Mord nicht zurückgeschreckt worden sein. So stellt das die Schilderung eines anonymen Zeugen dar, die in einer Zeitung nachzulesen war.

Wie passt das zusammen?

Auf den ersten Blick sicher gar nicht. Auf den zweiten jedoch wird glaubhaft versichert, dass es sich so, oder so ähnlich zugetragen habe. Und nicht nur dort. Bischöfe konnten ihr Leben lang gedeckt bis in die Kirchenspitze, Seminaristen und junge Priester missbrauchen, vom Klischee der Ministranten ganz zu schweigen. Sexueller und weiter gefasster Missbrauch durchzieht weite Kreise der Kirche. Er macht weder vor Orden, noch vor Weihestufen halt.

Es spielt bei solchen Betrachtungen keine Rolle, ob ähnliche Vorfälle außerhalb der Kirche auch stattgefunden haben oder stattfinden. Dass es im Menschen grundsätzlich eine Seite gibt, die sich in diese Richtung entwickeln kann, ist durch die offengelegten Fälle erwiesen. Dass die Handlungen im absoluten Gegensatz zu allem stehen, was die Kirche über zwischenmenschliche Beziehungen lehrt, ist ebenso offenkundig.

Sehen wir an dieser Stelle von der Frage nach einer bestmöglichen Unterstützung der Opfer und einem angemessenen Umgang mit den Tätern einmal ab, bleibt vor allem die Frage, wie derartige Vorkommnisse zukünftig ausgeschlossen werden können.

Beinahe reflexartig sticht hier der sogenannte „Pflichtzölibat“ ins Auge. Ist er nicht ein idealer Deckmantel, jegliche Art sexueller Störung vor der Gesellschaft abzuschirmen? Während man nach außen das Bild der Enthaltsamkeit sorgsam pflegt, bietet er nach innen die Möglichkeit, Netzwerke mit Gleichgesinnten aufzubauen, die durch den gegenseitig ausgeübten Druck der Existenzvernichtung bei öffentlicher Aufdeckung, zusammengeschweißt werden.

Doch ganz so einfach dürfte das in der Praxis nicht sein. Sowohl der Kontakt zu neu hinzukommenden Mitgliedern, als auch der Umgang mit beispielsweise laisierten Priestern birgt das Risiko der Aufdeckung. Bei Ersteren muss man damit rechnen, dass potentielle Mitglieder zumindest einen Rest an Anstand aufweisen, bei Letzteren mag der Frust auf die Kirche oder explizit auf Personen des besagten Netzwerkes, ein Nachtreten befördern. Das Wegfallen gesellschaftlicher Tabus dürfte ein Übriges beitragen.

Ein gesellschaftlich anerkannter Zölibat mag zweifelhafte Charaktere anziehen, diese sollten aber bei einer funktionierenden kirchlichen Institution bereits früh auffallen und selbst wenn nicht, so ist die Neigung unabhängig vom gewählten Lebensentwurf vorhanden. Es macht es sicher nicht besser, wenn der Missbrauch woanders geschieht.

Zu einer adäquaten Priesterausbildung, ebenso zur klösterlichen Laufbahn, gehört ein gemeinschaftliches Zusammenleben über Jahre hinweg, so dass man meinen möchte, Kandidat und Ausbilder sollten ausreichend Gelegenheit haben, einander kennenzulernen. Dass hierbei das Thema Sexualität, Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit kein tiefgehend behandeltes Thema ist, dürfte zwar der Regelfall sein, ist aber ein erster und sehr ernster Missstand.

Die Rede vom Priestermangel, ebenso wie der ausbleibende Nachwuchs in vielen Klöstern, dürften dazu führen, dass man möglichen Problemen bei oberflächlich passenden Anwärtern eher aus dem Weg geht. Ob das in diesem Ausmaß auch schon Mitte des vorherigen Jahrhunderts galt, ist fraglich. Eher dürfte man im Rahmen der 68-Revolution damals schon wenig Wert auf den Zölibat gelegt haben, in der Hoffnung, dass er sich eh nicht mehr lange halten lasse.

Dass der Zölibat für den sexuellen Missbrauch an Schutzbefohlenen, gar an ganzen Netzwerken ursächlich sei, ist weniger wahrscheinlich, als die Vermutung, dass man mittlerweile über Generationen Menschen in Klöster und Klerus aufgenommen hat, ohne deren Eignung und Motivation genauer zu hinterfragen, und das nicht allein im Hinblick auf sexuelle Neigungen und charakterliche Fehlentwicklungen.

Die Kirche ist mittlerweile auf diese Weise von einer Institution zur Wahrung und Verkündigung der christlichen Lehre zu einer großen Firma verkommen. Sie verwaltet, gerade in Deutschland, unermessliche Vermögen, agiert aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen und wirkt, als trage sie die Fassade des Christentums nur noch als äußeres Marketingkennzeichen, neudeutsch „Brand“ vor sich her.

Eine Säuberung von säkularen Netzwerken, egal welcher Zielsetzung, ist generisch mittlerweile nicht mehr vorstellbar. Umkehr und Neuanfang ist Kennzeichen jeglichen christlichen Lebens und das gilt für die weltkirchlichen Strukturen nicht weniger. Jeder Stein, jeder Posten, jede Initiative gehört auf den Prüfstand, vom Papst bis zum einfachen engagierten Laien in der Gemeinde.

Wenn wir keine glaubende Kirche werden, wenn wir unsere Kraft nicht wieder aus den Sakramenten beziehen und uns nicht mehr auf das Bekenntnis zu Christus – ohne wenn und aber – besinnen, wird die Kirche keine Zukunft haben. Der Missbrauchsskandal könnte dafür zum Anlass werden.

Wir müssen endlich realisieren, dass wir in Europa längst keine Volkskirche mehr sind und damit den Weg zur Bekennerkirche ebnen. Unser Netzwerk ist das des Glaubens, des Gebets und der Hingabe an Christus. Unser Herz muss brennen, für die Weitergabe des reichen Schatzes christlicher Erfahrungen und Erkenntnisse, damit wir das Licht göttlicher Liebe in die Welt tragen.

Fremde Götter und Kulte, seien sie der Sexualität oder des Geldes geschuldet, erledigen sich dann von selbst.

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.