Fratelli tutti

Bemerkungen zur Enzyklika

Das Lesen der Enzyklika ist mir nicht leicht gefallen. Über lange Strecken hatte ich den Eindruck, dass mit vielen Worten wenig gesagt wird. Teils wichtige Begriffe erschließen sich mir nur grob, da sie aus einer mir fernen Welt stammen und wenig erklärt werden. So bin ich mir in großen Teilen nicht sicher, ob ich die Intention wirklich erfasst habe, oder ob ich sie nicht noch deutlicher kritisieren müsste, wenn sich mir der Hintergrund klarer erschlossen hätte.

Positiv ist hervorzuheben, dass deutlich für die Würde des Menschen eingetreten wird, gegen Abtreibung schon recht prominent am Anfang, ebenso gegen Euthanasie und für Menschenrechte Stellung bezogen wird – auch wenn gerade an wesentlichen Stellen der Gottesbezug fehlt und ich mich frage, inwieweit sich die Enzyklika überhaupt an alle wendet, oder ob hier nicht der Versuch unternommen wird, auf Kosten christlicher Eindeutigkeit und Klarheit vor allem Atheisten und Anhänger fremder Religionen anzusprechen.

Die großen, immer wieder beschworenen Feindbilder, sind Wirtschaft und Technik, Individualismus und Liberalismus. Dennoch wird bei Bedarf gerade auf erstere gern zurückgegriffen: Technik in Bezug auf das Gesundheitswesen, privates Handeln und Eigentum, als Quelle der Gaben für andere. Dabei werden die Ansätze kaum zu ende gedacht. Auf der einen Seite wird von Wahrheit gesprochen, gegen den Relativismus argumentiert auf der anderen Seite aber werden qualitative Unterschiede oder unversöhnliche Gegensätze an vielen Stellen negiert. 

Das große Thema ist die Liebe, ohne dass man genau erkennt, was konkret unter ihr verstanden wird. Sie bezieht sich auf Personen, Institutionen, mal auf das direkte Umfeld, mal schweift sie in die abstrakte Ferne, doch vor allem scheint sie eines zu sein: die Brücke oder Lösung für alles. Der Liebesbegriff wird so zu einer Art Joker, den man überall anbringen kann, der immer gut klingt und unangreifbar scheint. Zugrunde liegt ein Menschenbild, das stark an den Kommunismus erinnert: Der Mensch ist zwar noch nicht so weit, aber mit viel Liebe und gutem Zutun werden alle zu Altruisten. Ein menschengemachter Homo sapiens 2.0. Hinzu kommt die Illusion, dass alle Völker, wenn man sie nur lässt, von sich aus das Gute wollen, und dass das das Böse nur darin besteht, nicht intensiv genug miteinander in einen Dialog zu treten. Maßstab, Bezugspunkt bzw. Schiedstelle, falls es notwendig sein sollten, wird ein internationales Gremium, eine Art Weltregierung nach Art der UNO.  


Das ganze Dokument könnte im Grunde auch von einer NGO verfasst worden sein, nur an ganz wenigen Stellen kommen explizit christliche Vorstellungen zum Tragen. So wird z.B. das Gleichnis vom Samariter arg strapaziert. Tatsächlich kann man die meisten Stellen mit Gottesbezug problemlos ersetzen, da sie keine tragenden Gedanken transportieren; außer gegen Ende, da gibt es ein paar Absätze, in denen auf die Notwendigkeit von Transzendenz hingewiesen wird, was aber zu den meisten vorher ausgeführten Ansätzen im Widerspruch steht. 

Immer wieder werden dieselben Stereotypen bedient: Korrigieren müssen sich die Reichen, die Geberländer, die Selbstgefälligen. Arme und in Not geratene werden weder hinterfragt, noch zu irgendetwas angespornt oder gar aufgefordert. Der Appell an die Solidarität (der „Reichen“) steht im Vordergrund, Personalität wird als Individualismus eher abgelehnt und Subsidiarität spielt nur am Rande eine Rolle, z.B. um Fehler internationaler Strukturen durch untergeordnete abzufangen oder als Mahnung zu mehr Solidarität. 

Ich glaube nicht, dass viele Menschen das Dokument in seiner vollen Länge durchlesen werden, und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Alles in allem musste ich mich immer wieder beim Lesen fragen: Wo lebt dieser Papst? Was hat er mitbekommen, vom Leid der Kirche? Von den Christenverfolgungen? Vom Erodieren des Glaubenswissens? Vom Schwinden des Einflusses der Kirche in den Gesellschaften? Vom Verweigern der Sakramente unter Corona-Vorwand? Von dem tiefen Riss, der durch die Kirche und nun auch durch die Gesellschaft geht? Von der Unfähigkeit der Politik, die eigenen Bürger in den Blick zu nehmen und stattdessen dem Versuch auf deren Kosten große Geschichte zu spielen? Ich empfinde diese Enzyklika inhaltlich als leer. Sie geht an den Problemen der Zeit vorbei und gibt gerade auch für Gläubige und der Kirche Nahestehende keinen neuen Impuls. Schade.

Ein paar inhaltliche Bemerkungen, die Zahlen entsprechen den nummerierten Absätzen, Zitate wurden direkt hier übernommen, so dass nicht zwischen Fließtext der Enzyklika und Primärquelle unterschieden wird.

I Die Schatten einer abgeschotteten Welt

16 „Ein Plan mit großen Zielen für die Entwicklung der Menschheit klingt heute wie eine Verrücktheit. Es vergrößern sich die Abstände zwischen uns, und der harte und schleppende Weg zu einer geeinten und gerechteren Welt erleidet einen neuen und drastischen Rückschlag.“

Das ist sicher korrekt. Das Klima wird rauer. Ob man es mit einem Plan der großen Vereinheitlichung auflockert, zweifle ich an. Um Gegenteil wecken solche Pläne weitere Skepsis und reißen zusätzliche Gräben auf. Zudem muss auch die Frage gestellt werden, ob diese aktive Formung der Weltgemeinschaft primäre Aufgabe der Kirche ist, oder ob sie nicht aus einer überzeugenden Verkündigung, wozu auch der Hinweis auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen gehört, quasi von selbst erwächst.

18 „Teile der Menschheit scheinen geopfert werden zu können zugunsten einer bevorzugten Bevölkerungsgruppe, die für würdig gehalten wird, ein Leben ohne Einschränkungen zu führen. Im Grunde werden die Menschen »nicht mehr als ein vorrangiger, zu respektierender und zu schützender Wert empfunden, besonders, wenn sie arm sind oder eine Behinderung haben, wenn sie – wie die Ungeborenen – „noch nicht nützlich sind“ oder – wie die Alten – „nicht mehr nützlich sind“ […]«.“

Gerade anhand der gewählten Beispiele leuchtet das ein. Man denkt an Slogans wie „Mein Bauch gehört mir“ und spürt die Hilflosigkeit, wenn man sieht, dass Grundvorstellungen wie die von der Würde des Menschen zerrinnen. In der Gesellschaftsanalyse stimme ich dem Text gerade an dieser Stelle zu und freue mich, dass das Anliegen derart prominent platziert ist. Viele, die nicht den gesamten Text lesen, dürften diesen Punkt noch mitbekommen.

22 „Oft stellt man fest, dass tatsächlich die Menschenrechte nicht für alle gleich gelten. Die Achtung dieser Rechte »ist ja die Vorbedingung für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Wenn die Würde des Menschen geachtet wird und seine Rechte anerkannt und gewährleistet werden, erblühen auch Kreativität und Unternehmungsgeist, und die menschliche Persönlichkeit kann ihre vielfältigen Initiativen zugunsten des Gemeinwohls entfalten«

Auch für diese Einsicht einzutreten, halte ich für äußerst wichtig. Dabei geht es allerdings nicht nur um das Gemeinwohl, sondern immer auch um die höhere Ehre Gottes, denn ansonsten würden die Menschenrechte schnell einem Zweckdenken unterworfen. Kernaussage ist es aber, dass durch den Menschen Freiheit und Verantwortung in die Welt gekommen sind und beides weit über das reine Gemeinwohl hinausgeht. 

24 „Es kommt sogar zu abscheulichen Taten wie der Entführung von Menschen, um ihre Organe zu verkaufen. All das macht den Menschenhandel und andere aktuelle Formen der Sklaverei zu einem weltweiten Problem, das von der gesamten Menschheit ernstgenommen werden muss, denn »wie die kriminellen Organisationen sich globaler Netze bedienen, um ihre Ziele zu erreichen, so erfordert die Aktion zur Überwindung dieses Phänomens außerdem eine gemeinsame und ebenso globale Anstrengung seitens der verschiedenen Akteure, welche die Gesellschaft bilden«.“

Wie bei vielen zeitgenössischen politischen Initiativen halte ich die Analyse der Wirklichkeit auch hier für zutreffend. Schwierig wird es bei den Schlussfolgerungen und daraus abgeleiteten Konzepten. Mir scheint, es wird da nicht nur eine internationale Aktion zur Verbrechensbekämpfung angedacht, sondern der Gedanke an eine Art Weltregierung vorbereitet. Ich glaube zudem nicht, dass man für die Bekämpfung organisierter Kriminalität eine Art Superstaat braucht. In den meisten Fällen dürfte es genügen, entweder die Quelle oder die Abnehmer auszuschalten. Eine besondere Expertise in derartigen Angelegenheiten erwarte ich mir allerdings nicht gerade vom Papst.

29 „Mit dem Großimam Ahmad Al-Tayyeb verkennen wir nicht die positiven Fortschritte in der Wissenschaft, der Technologie, der Medizin, der Industrie und in der Wohlfahrt, besonders in den entwickelten Ländern. Nichtsdestoweniger »betonen wir, dass mit diesen großen und geschätzten historischen Fortschritten auch ein Verfall der Ethik im internationalen Handeln sowie eine Schwächung der geistlichen Werte und des Verantwortungsbewusstseins einhergehen. […]«“

Wissenschaft, Technologie, Medizin, Industrie und Wohlfahrt schwächen geistliche Werte und Verantwortungsbewusstsein? Das kann ich nicht nachvollziehen und erklärt wird der Kausalzusammenhang auch nicht. Schade.

31 „Die Technologie macht ständige Fortschritte, doch »wie schön wäre es, wenn die Zunahme der Innovationen in Wissenschaft und Technik auch mit einer immer größeren Gleichheit und sozialen Inklusion einhergehen würde!“

Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Zudem finde ich den Begriff der Gleichheit problematisch. Gleichwertigkeit, ja. Gleichheit ist eine Illusion.

32 „Eine globale Tragödie wie die Covid-19-Pandemie hat für eine gewisse Zeit wirklich das Bewusstsein geweckt, eine weltweite Gemeinschaft in einem Boot zu sein“

Das entspricht nicht ganz meiner Erfahrung. Da Wunschdenken einiger politischer Strategen geht sicher in die Richtung, die Krise dahingehend zu nutzen, Globalisierungsprojekte voranzutreiben. Die Einzelnen haben jedoch nur sehr wenig über ihren Tellerrand gesehen und vor allem gehofft, dass andere stärker betroffen werden und man selbst möglichst gut durchkommt. 

37 „Sowohl in einigen populistischen politischen Regimen als auch in liberalen wirtschaftlichen Kreisen vertritt man die Ansicht, dass man die Ankunft von Migranten um jeden Preis vermeiden müsse.“


Nunja, man hat halt Bedenken. Zum einen möchte man das Geschäft der Menschenhändler nicht unterstützen, zum anderen sind weite Teile der Menschen in den Ankunftsländern überfordert, so dass Konflikte und soziale Notlagen vorprogrammiert sind. Die Befürchtungen richten also sich nicht zwangsweise gegen die Migranten und sind auch nicht per se unberechtigt.

39 „Es ist nicht hinnehmbar, dass Christen diese Mentalität und diese Haltungen teilen, indem sie zuweilen bestimmte politische Präferenzen über fundamentalste Glaubensüberzeugungen stellen. Die unveräußerliche Würde jedes Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion ist das höchste Gesetz der geschwisterlichen Liebe.“

Die Skepsis Ablehnung bedeutet keineswegs, den Migranten ihre Würde abzusprechen!
Vielmehr fürchten viele die Überbeanspruchung der eigenen Möglichkeiten würden lieber im Herkunftsland helfen, was sicher nachhaltiger gestaltet werden könnte.

40 „Die Migrationen werden ein grundlegendes Element der Zukunft der Welt darstellen.“


Wenn sie stattfinden, wird das faktisch so sein. Ob das gut ist, ist eine andere Sache. Die Folgen sind derzeit nicht abzusehen und historisch haben Völkerwanderungen dem Einwanderungsland nicht immer nur gutgetan.

II Ein Fremder auf dem Weg

Dieses Kapitel deutet das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus und stellt die dortigen Handlungsweisen und Charaktere vor: Räuber, Überfallener, Leute die vorbeigehen (auch religiöse) und den Samariter. Schwerpunkt ist der Hinweis darauf, dass Juden und Samariter einander fremd waren und man an den unbeteiligt vorbeigehenden die Hartherzigkeit der Menschen erkennen kann.

Ich hätte mir gewünscht, dass darauf hingewiesen würde, dass der Samariter zwar direkt und ohne Ansehen der Person geholfen hat, allerdings nur soweit er konnte. Er hat den Bedürftigen an eine Herberge übergeben, als seine Möglichkeiten erschöpft waren und auch dort er hat den Aufenthalt beschränkt. Er hat also niemanden bei sich aufgenommen, auch hat er keine lebenslange Rente bezahlt und er hat dort geholfen, wo die Not offensichtlich war und nicht, wo jemand vor allem am Lebensstil des Samariters teilhaben wollte.

III Eine offene Welt denken und schaffen

89 „ohne ein breiteres Beziehungsgeflecht ist es nicht möglich, sich selbst zu verstehen.“ 

Die These halte ich für gewagt. Was ist mit Eremiten? Es gibt und gab immer Menschen, die sich mit sehr wenigen Sozialkontakten gut entwickeln konnten. Die Quantität ist für persönliche Reife sicher nicht ausschlaggebend.

90 „Es ist kein Zufall, dass viele kleine Bevölkerungsgruppen, die in Wüstengebieten überlebt haben, eine großzügige Willkommenskultur für durchreisende Fremde entwickelt haben, und damit ein beispielhaftes Zeichen für die heilige Pflicht der Gastfreundschaft setzen. Diese Praxis pflegten auch die mittelalterlichen Klostergemeinschaften, wie man an der Regel des heiligen Benedikt ablesen kann.“

Das ist sicher richtig. Mir fehlt aber auch ein Hinweis auf die Pflichten des Gastes. Beispielsweise zu helfen, beizeiten wieder abzureisen, etc.

92 „Die geistliche Gestalt des menschlichen Lebens ist von der Liebe geprägt, die »zum Maßstab für den endgültigen Entscheid über Wert oder Unwert eines Menschenlebens wird«. Es gibt jedoch Gläubige, die meinen, ihre Größe bestünde darin, anderen ihre Ideologien aufzuzwingen, sei es in der gewaltsamen Verteidigung der Wahrheit, sei es in großen Machtdemonstrationen.“

Über Wert und Unwert eines Menschenlebens, haben wir generell nicht zu befinden, auch nicht, wenn wir uns liebend wähnen. Ich finde den hier aufgezeigten Konflikt zwischen Liebe und Verteidigung der Wahrheit seltsam. Eigentlich sollte im Christentum doch beides übereinkommen.

94 „Die Liebe zum anderen, drängt uns aufgrund ihrer Natur, das Beste für sein Leben zu wollen. Nur wenn wir diese Art gegenseitiger Bezogenheit entwickeln, wird ein gesellschaftlicher Zusammenhalt möglich sein, der niemanden ausschließt, und eine Geschwisterlichkeit, die für alle offen ist.“

Liebe kann nicht ins Allgemeine schwenken, sie ist personal. Es ist eine Einbildung zu meinen, man könne alle lieben. 

95 „ Niemand reift oder gelangt zu Erfüllung, wenn er sich isoliert.“

Isolation kann durch physische Distanz geistige Nähe hervorrufen. Das zeigen u.a. Klöster und Eremiten. Nur auf die eindimensionale räumliche Abgrenzung zu kritisieren, ist zu kurz gedacht.

97 „Andererseits sind alle leidenden Schwestern und Brüder, die von der Gesellschaft im Stich gelassen oder ignoriert werden, existenziell Fremde, auch wenn sie im selben Land geboren wurden. Sie mögen Staatsbürger sein und im Besitz aller Dokumente; doch man lässt sie sich als Fremde im eigenen Land empfinden. Rassismus ist ein Virus, der leicht mutiert, und, anstatt zu verschwinden, im Verborgenen weiter lauert.“
98. „Ich möchte an jene „verborgenen Exilanten“ erinnern, die als Fremdkörper der Gesellschaft behandelt werden. Viele Menschen mit Behinderungen »fühlen sich ohne Zugehörigkeit und Beteiligung«. Es gibt immer noch vieles, was ihnen eine volle Teilhabe verunmöglicht.“

Diese Stelle ist typisch für eine Argumentationsfigur, wie sie im Text öfter auftritt und die mit einer Art Taschenspielertrick dem Leser einen Spiegel vorhalten will. Nachdem ausführlich über Migranten gesprochen wurde, beginnt man über Fremde im eigenen Land und deren deutsche Ausweisdokumente zu sprechen, man soll wohl an jene denken, die mit mehr oder weniger gültigen Ausweisen hier leben dürfen. Anscheinend unterstellt der Papst seinem Leser hier grundsätzlich abweisenden und rassistische Denkmuster, die er klischeehaft zu bedienen versucht um dann, in gespielter Naivität auf Behinderte auszuweichen. An solchen Stellen mache ich meinen Eindruck fest, dass die eingeforderte Offenheit, Dialogfreude und Liebe den Lesern gegenüber anscheinend nicht gilt.

99 „Wer sein Volk verachtet, etabliert in seiner eigenen Gesellschaft Kategorien einer ersten und einer zweiten Klasse, von Menschen mit mehr oder weniger Würde und Rechten.“
100 „Es gibt ein Globalisierungsmodell, das »bewusst auf eine eindimensionale Uniformität abzielt und versucht, alle Unterschiede und Traditionen in einem oberflächlichen Streben nach Einheit zu beseitigen.“

Das ist in der Tat gelungene Kritik am linken Einheitsdenken. Leider scheint die Enzyklika dem aber nichts Tiefgehendes entgegenzusetzen, denn die kulturellen Unterschiede, die bewahrt werden sollten, scheinen eher folkloristischer Natur, auch wenn der Text da nicht eindeutig ist und mal so, mal so argumentiert. Generell scheint Franziskus zwischen den Kulturen keine starken Gegensätze auszumachen.

107 „Jeder Mensch hat das Recht, in Würde zu leben und sich voll zu entwickeln, und kein Land kann dieses Grundrecht verweigern.“

Das ist natürlich richtig. Man darf nur nicht den Fehler machen zu denken, ein Land müsse zur Wahrung der Würde einen bestimmten Lebensstil gewähren. Die äußeren Umstände haben oft nur sehr bedingt etwas mit der Wahrung der Würde zu tun.

108 „Investitionen zugunsten der Schwachen sind möglicherweise nicht rentabel bzw. weniger effizient.“

Sicher nicht. Darum muss genau überlegt werden, woher man die Ausgaben nimmt. Wenn man die Leistungsträger überfordert, bricht evtl. mehr weg, als einem lieb ist.

113 „Jede Gesellschaft muss für die Weitergabe von Werten sorgen, denn wenn dies ausbleibt, werden Egoismus, Gewalt und Korruption in ihren verschiedenen Formen sowie Gleichgültigkeit verbreitet, ein Leben letztlich, das jeder Transzendenz verschlossen ist und sich in individuellen Interessen verschanzt.“

Das Plädoyer gegen Hedonismus ist ganz sicher angebracht. Schön wären an dieser Stelle ein paar Hinweise, wie das geschehen kann, statt bloßem Beklagen der Situation.

116  „Es bedeutet, dass man im Sinne der Gemeinschaft denkt und handelt, dass man dem Leben aller Vorrang einräumt“

Na – wenn das mal nicht eine klassische altruistische Utopie ist? Das wird so mit dem Menschen wie er angelegt ist, nicht funktionieren.

118 „Erde ist für alle da, denn wir Menschen kommen alle mit der gleichen Würde auf die Welt.“

Das klingt schon stark nach Ablehnung von Eigentum. Ich finde, man muss stark aufpassen, dass die transzendente Würde nicht in materiellen Forderungen versandet. Nicht jeder Staat kann die gleichen Mittel zur Verfügung stellen und das ist auch nicht nötig.

121. „Niemand darf aufgrund seiner Herkunft ausgeschlossen werden und schon gar nicht aufgrund der Privilegien anderer, die unter günstigeren Umständen aufgewachsen sind. Auch die Grenzen und Grenzverläufe von Staaten können das nicht verhindern. So wie es inakzeptabel ist, dass eine Person weniger Rechte hat, weil sie eine Frau ist.“

Hier möchte ich nochmal auf die oben schon gezeigte Masche hinweisen. Erst wird angedeutet, dass alle Menschen in jedem Land sämtliche Rechte erhalten sollen, dann gibt es einen Themenschwenk auf Frauenrechte, anschließend wird wieder mit Bereicherung, etc. fortgefahren.

123. „Die Unternehmertätigkeit ist in der Tat eine edle Berufung, »die darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern«“

Vor allem für andere? So funktioniert das Zusammenleben meiner Erfahrung nach leider nicht. Der hauptsächliche Ansporn für das Unternehmertum liegt vornehmlich im Unternehmer selbst. 

124. „Die Überzeugung von der gemeinsamen Bestimmung der Güter der Erde erfordert heute, dass sie auch auf Länder, ihre Territorien und ihre Ressourcen angewandt wird. Wenn wir es nicht nur von der Legitimität des Privateigentums und den Rechten der Bürger einer bestimmten Nation aus betrachten, sondern auch von dem ersten Grundsatz der gemeinsamen Bestimmung der Güter, dann können wir sagen, dass jedes Land auch ein Land des Ausländers ist.“

Da bin ich ehrlich in Versuchung zu sagen, „Ok, Afrika und Deine Bodenschätze, wir kommen!“.

„Tatsächlich gibt es, wie die Bischöfe der Vereinigten Staaten gelehrt haben, Grundrechte, die »jeder Gesellschaft vorausgehen, weil sie sich aus der Würde ableiten, die jedem Menschen zukommt, da er ein Geschöpf Gottes ist«“

Damit sollte vor allem Hilfe zur Selbsthilfe gemeint sein. Hilfe nicht zu verhungern oder zu verdursten. Das Privateigentum, die Ressourcen des Staates können nicht einfach verteilt werden. Wäre das der Fall, gäbe es keinen Fortschritt, keine Entwicklung, eben auch nicht für die Armen. Was im Absatz 124 durchklingt, erinnert sehr an den Kommunismus.

126. „Das hier gesagte, impliziert auch die Gewährleistung des »Grundrechts der Völker auf Erhaltung und Fortschritt«, was zuweilen durch den Druck, der von der Auslandsverschuldung ausgeht, stark beeinträchtigt wird.“

Die Verschuldung kommt ja nicht aus dem Nichts. Fortschritt kann es nicht geben, wenn man alles verteilt – man muss Kapazitäten sammeln um die Ressourcen für Forschung zu haben. Zumindest in den zentralen Bereichen.

127. „Hier geht es zweifellos um eine andere Logik. Wenn man sich nicht bemüht, in diese Logik einzusteigen, werden meine Worte sich nach Phantasien anhören. Aber wenn man als grundlegendes Rechtsprinzip akzeptiert, dass diese Rechte aus der bloßen Tatsache des Besitzes einer unveräußerlichen Menschenwürde hervorgehen, kann man die Herausforderung annehmen, von einer anderen Menschheit zu träumen und über eine solche nachzudenken.“

Wenn es nur das Ziel ist, von einer anderen Menschheit zu träumen und über eine solche nachzudenken, dann ist das natürlich Phantasieren. Menschen handeln motivationsgebunden und wenn man alles ohne Aufwand erhält, fällt die Motivation weg. Es braucht Ansporn, Anreiz, Widerstände um sich zu entfalten. Das fällt hier völlig unter den Tisch, als ob durch gleichmäßige Verteilung von Ressourcen alle Probleme gelöst wären. 

IV Ein offenes Herz für die ganze Welt

129. „Wenn der Nächste ein Migrant ist, ergeben sich komplexe Herausforderungen. Ideal wäre es, wenn unnötige Migration vermieden werden könnte, und das kann erreicht werden, indem man in den Herkunftsländern die Bedingungen für ein Leben in Würde und Wachstum schafft, so dass jeder die Chance auf eine ganzheitliche Entwicklung hat.“


Dem kann ich nur zustimmen, das wäre in der Tat der beste Weg. Geht aber nicht so ohne weiteres.

„Unsere Bemühungen für die zu uns kommenden Migranten lassen sich in vier Verben zusammenfassen: aufnehmen, schützen, fördern und integrieren. In der Tat geht es nicht »darum, von oben her Hilfsprogramme zu verordnen, sondern gemeinsam einen Weg zurückzulegen durch diese vier Vorgehensweisen, um Städte und Länder aufzubauen, die zwar die jeweilige kulturelle und religiöse Identität bewahren, aber offen sind für Unterschiede und es verstehen, diese im Zeichen der menschlichen Brüderlichkeit wertzuschätzen«“

Da stellt sich zuerst einmal die Frage, ob der Migrant da überhaupt mitspielt. Diese Annahme steht jedoch auf äußerst wackligen Füssen.

131. „Für diejenigen, die schon länger angekommen sind und inzwischen Teil des sozialen Gefüges sind, ist es wichtig, einen Begriff von „Bürgerrecht“ anzuwenden, der »auf der Gleichheit der Rechte und Pflichten [basiert].“

Das ist schön gesagt. Gerade die Pflichten werden aber gern vernachlässigt. Darauf hinzuweisen ist sicher geboten.

132 „In jedem Fall besteht die Notwendigkeit, dass »mittel- und langfristige Pläne aufgestellt werden müssen, die über den Notbehelf hinausgehen. Sie müssten einerseits wirklich die Eingliederung der Migranten in die Aufnahmeländer fördern und andererseits zugleich die Entwicklung in den Herkunftsländern begünstigen mit solidarischen politischen Programmen, die jedoch die Hilfen nicht von Strategien und Verfahren abhängig machen, die den Kulturen der Völker, an die sie sich richten, ideologisch fremd sind oder zu ihnen im Widerspruch stehen«.“

Das klingt schon einmal stark nach einem inter- bzw. übernationalen Gremium. Dabei ist der letzte Teilsatz besonders wichtig. Hilfen sollen also nicht ideologisch fremd sein oder zur Kultur des Empfängerlandes im Widerspruch stehen? Ich verstehe unter Hilfe Nahrung, Unterkunft und gegebenenfalls die Möglichkeit zur Eingliederung oder aber Rückführung, wenn die Notsituation geregelt ist. Was ist zudem mit einem Widerspruch zur Kultur des Geberlandes? Mir scheint an solchen Stellen die eigentliche Intention des Textes durchzuschimmern, die im Gegensatz zu vielen traditionell klingenden Passagen steht.

135 „Die Kultur der Latinos ist »ein Ferment von Werten und Möglichkeiten, die den Vereinigten Staaten vielleicht sehr gut täten. […] Eine starke Einwanderung prägt und verändert letztlich immer die Kultur eines Ortes. In Argentinien hat die starke italienische Einwanderung die Kultur der Gesellschaft geprägt, und in der Kultur von Buenos Aires bemerkt man deutlich, dass dort etwa zweihunderttausend Juden leben. Einwanderer sind, wenn man ihnen bei der Integration hilft, ein Segen, ein Reichtum und ein neues Geschenk, das eine Gesellschaft einlädt sich weiterzuentwickeln«“

Ob das die Ureinwohner Amerikas nach der europäischen Einwanderung auch so gesehen haben? Oder ist das eher die romantische Verklärung eines Mannes, der aus einem Einwanderungsland stammt? Zudem ist in Südamerika eine Hochkultur eingewandert, die eine andere größtenteils verdrängt hat. Geblieben ist vor allem Folklore. Wie die Enzyklika selbst sagt, geht es aber bei der aktuellen Einwanderung um Bedürftige, die in großer Anzahl kommen. Ist das vergleichbar?

136 „Der Westen könnte in der Kultur des Ostens Heilmittel für einige seiner geistigen und religiösen Krankheiten finden.“

Hier würden mich einige weiterführende Beispiele interessieren.

„Und der Osten könnte in der Kultur des Westens viele Elemente finden, die ihm hilfreich sind, sich von der Schwachheit, der Spaltung, dem Konflikt und vor dem wissenschaftlichen, technischen und kulturellen Abstieg zu retten“

Spaltung gibt es auch hier mehr als genug. Der wissenschaftlich-technische Abstieg wird sich nur positiv auswirken,  solange der Westen seine finanzielle und intellektuelle Integrität erhält. Derzeit, das sehe ich als viel größeres Problem, bricht hier vieles zusammen. Gerade auch aufgrund von Umverteilungsidealen, wie sie in diesem Text anpriesen werden.

„Es ist wichtig, den religiösen, kulturellen und historischen Unterschieden Aufmerksamkeit zu schenken, die ein wesentlicher Bestandteil in der Bildung der Persönlichkeit, der Kultur und der Zivilisation des Ostens sind. Es ist auch wichtig, die allgemeinen gemeinsamen Menschenrechte zu festigen, um dazu beizutragen, ein würdiges Leben für alle Menschen im Westen und im Osten zu gewährleisten.“

Gilt das nicht auch für den Westen? Es sind ja nicht nur die Menschenrechte, die den Westen ausmachen. Und ob der Osten sich auf sie einlässt, ist mehr als fraglich. Würde er das tun, müsste er aus sicht vieler Muslime einen wesentlichen Bestandteil seiner Kultur aufgeben.

137. „Gegenseitige Hilfe zwischen Ländern kommt letztlich allen zugute.„

Wenn es auf Augenhöhe geschieht. Dass das nicht so einfach ist, zeigen mittlerweile mehrere Generationen Entwicklungshilfe.

„Ein Land, das sich auf der Grundlage seiner ursprünglichen Kultur weiterentwickelt, ist wertvoll für die gesamte Menschheit.“

Wird aber nicht genau das aufzugeben, gerade von den Geberländern verlangt?

138 „Wir brauchen eine rechtliche, politische und wirtschaftliche Weltordnung, »die die internationale Zusammenarbeit auf die solidarische Entwicklung aller Völker hin fördert und ausrichtet«“

Welcher Kultur wäre diese denn zuzuordnen? Wenn sie aus vielen Kulturen zusammengestellt wird, wer kontrolliert sie dann?

140. „Diejenigen, die keine solche geschwisterliche Uneigennützigkeit üben, machen ihr ganzes Dasein zu einem mühseligen Geschäft, weil sie das, was sie geben, immerzu gegen das aufrechnen, was sie als Gegenleistung erhalten. Gott aber gibt unentgeltlich, und das geht so weit, dass er selbst denen hilft, die nicht treu sind, ohne Nutzen.“

Wer das vom Menschen bzw. von Ländern verlangt, stellt sie mit Gott gleich. Wir können das als gesellschaftliche Strukturen nicht leisten, ohne uns selbst aufzugeben. 

„Eben das sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben« (Mt 10,8).“

Aus dieser direkten und persönlichen Ansprache Christi an den Einzelnen und sein Gewissen ist keine Staatgesetzgebung oder gar Weltregierung abzuleiten. Das sind ganz verschiedene Kategorien. Der Anspruch ist schon für Menschen ein oft nicht erreichbares Ziel. Wenn der Staat dem letztlich nicht nachkommt – was soll er dann tun: beichten gehen?

142 „Man muss auf die globale Dimension achten, um nicht in die alltägliche Kleinlichkeit zu fallen. Zugleich ist es nicht angebracht, das, was ortsgebunden ist und uns mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität bleiben lässt, aus dem Auge zu verlieren. Wenn die Pole miteinander vereint sind, verhindern sie, in eines der beiden Extreme zu fallen“

Wäre hier nicht ein deutlicher Hinweis auf die Subsidiarität geboten, statt von gleichberechtigten Polen zu sprechen? Was gehört denn ins Lokale und was ins Globale?

143. „Eine Offenheit, die ihr Wertvollstes preisgibt, ist nicht die Lösung. So wie es ohne persönliche Identität keinen Dialog mit anderen gibt, so gibt es auch keine Offenheit zwischen den Völkern ohne die Liebe zum eigenen Land und seinen Menschen“

Ein sehr guter Punkt. Hier wären aber auch Beispiele schön, die aufzeigen, wo die Grenze liegt. Dass diese nur in der Offenheit auf andere bestehe, wäre widersprüchlich. Anderes ist aber im Text nicht zu finden.

„Jeder liebt sein Land, verspürt eine besondere Verantwortung diesem gegenüber und kümmert sich darum, so wie jeder sein Zuhause lieben und pflegen muss, damit es nicht zusammenbricht, denn die Nachbarn werden das nicht tun.“

Ja. Aber wie ist das mit dem Anspruch von rigoroser Offenheit zusammenzubringen?

145. „Es gibt eine falsche Offenheit für das Universale, die von der leeren Oberflächlichkeit derjenigen herrührt, die nicht in der Lage sind, ihr eigenes Heimatland wirklich zu verstehen, oder von denen, die einen nicht überwundenen Groll gegen ihr eigenes Volk hegen. Auf jeden Fall müssen wir »immer den Blick weiten, um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt. Das darf allerdings nicht den Charakter einer Flucht oder einer Entwurzelung haben.“

Auch hier. Das Gegenargument wird übernommen, aber es wird nicht beantwortet. Wie soll das aussehen? Wie soll man die Eigenheiten der eigenen Kultur bewahren, den Kindern vermitteln und vertreten, ohne deutlichen Widerspruch und deutliche Grenzsetzungen nach außen? 

146. „Es gibt einen „lokalen Narzissmus“, der nicht Ausdruck einer gesunden Liebe zum eigenen Volk und zur eigenen Kultur ist. […] Ein solch unguter Lokalpatriotismus ist zwanghaft auf einige wenige Ideen, Bräuche und Gewissheiten beschränkt.“

Woher soll denn ein gesunder Patriotismus kommen? Wie soll er erlernt werden? Muss man bei jeder Freude immer gleich mit fragen, ob man hier zu eng denkt? Und wenn man weiter geht – gibt man dann vielleicht nicht auch Wesentliches auf? 

148. „Tatsächlich steht eine gesunde Offenheit nie im Gegensatz zur eigenen Identität. Eine lebendige Kultur, die sich um neue Elemente fremder Herkunft bereichert, wird diese nie einfach nur kopieren oder wiederholen, sondern sie wird sich das Neue auf ihre Art und Weise zu eigen machen. Dies führt zur Entstehung einer neuen Synthese, die letztlich allen zugutekommt, da die Kultur, in der diese Beiträge ihren Ursprung haben“

Inwieweit führt dies denn angesichts des Wunsches nach einer Weltregierung nicht zur Angleichung der Kulturen? Werden so nicht gerade die tiefen Nuancen geglättet, so dass man überall von Blüte zu Blüte springend sammelt? Oder wie werden die Eigenheiten, die Unterschiede, die Widersprüche zu anderem thematisiert? Wird hier nicht einfach davon ausgegangen, dass im Grunde kein Gut und Böse, kein Falsch und Richtig, kein Besser und Schlechter vorhanden ist?

„Deshalb habe ich die indigenen Völker aufgefordert, ihre angestammten Wurzeln und Kulturen zu bewahren, wollte zugleich aber auch klarstellen, dass es nicht meine Absicht war, »einen völlig geschlossenen, ahistorischen, statischen Indigenismus voranzutreiben, der jede Form der Vermischung ablehnt«“

Auch hier: Wie soll das gehen? Es gibt keine reinen indigenen Völker, wir alle entstammen Mischungen. Und wer richtet darüber, was zur Kultur noch gehören darf und was nicht? Muss es dazu nicht eine der Weltregierung verpflichtete Metakultur geben?

149 „Jede Gruppe von Menschen ist ein Teil dieses Geflechts universaler Gemeinschaft und findet dort zu ihrer je eigenen Schönheit. Daher weiß jeder Mensch, der in ein bestimmtes Gefüge hineingeboren wurde, dass er oder sie zu einer größeren Familie gehört, ohne die es nicht möglich ist, sich selbst wirklich zu verstehen“

Verstehe ich das richtig: Die Summe der Kulturen bildet eine Weltkultur, in der alle Teile des Ganzen sind und sich das Ganze aus ihnen ergibt? Kommt nach christlichem Verständnis nicht eher alles von Gott? Gibt es keine Rebellion? Reguliert sich alles durch Streben nach oben von alleine? Braucht es keine Erlösung? Keine externe Korrektur?

153. “Es gibt mächtige Länder und große Konzerne, die von dieser Isolation profitieren und es vorziehen, mit jedem Land einzeln zu verhandeln. Für kleine oder arme Länder gibt es jedoch die Alternative, regionale Vereinbarungen mit ihren Nachbarn zu treffen, die es ihnen ermöglichen, en bloc zu verhandeln und zu vermeiden, dass sie zu marginalen Segmenten werden, die von den Großmächten abhängig sind.“

Letztlich scheint es also doch vor allem um die Wirtschaft zu gehen. Die bösen Großen gegen die guten Kleinen, die sich regional zusammentun sollen, um die Großen zu bekämpfen. Die Frage, warum die Großen groß sind, die Kleinen klein sind, was Gut oder Schlecht ist, wird nicht mehr gestellt, scheint mir.

V Die beste Politik

157  „Aber der Begriff „Volk“ ist notwendig, um auszusagen, dass die Gesellschaft mehr ist als die bloße Summe von Individuen.“

Im Folgenden sagt die Enzyklopädie ein wenig über ihre Volksdefinition und deren Anführer aus: 

159  „Es gibt volksnahe Anführer, die fähig sind, das Volksempfinden zu interpretieren wie auch seine kulturelle Dynamik und die großen Tendenzen einer Gesellschaft. Der Dienst, den sie durch das Zusammenführen leisten, kann die Grundlage für ein dauerhaftes Projekt der Umwandlung und des Wachstums sein.“

160. „Die geschlossenen populistischen Gruppen verzerren das Wort „Volk“. Wovon sie reden, ist nämlich in Wirklichkeit kein echtes Volk. In der Tat ist die Kategorie „Volk“ offen.“

161 „Eine weitere entartete Form der Führungsrolle im Volk ist die Suche nach dem unmittelbaren Interesse.“


Zum Thema „Arbeit“:

162 „In einer wirklich entwickelten Gesellschaft ist die Arbeit eine unverzichtbare Dimension des gesellschaftlichen Lebens, weil sie nicht nur eine Art ist, sich das Brot zu verdienen, sondern auch ein Weg zum persönlichen Wachstum, um gesunde Beziehungen aufzubauen, um sich selbst auszudrücken, um Gaben zu teilen, um sich mitverantwortlich für die Vervollkommnung der Welt zu fühlen und um schließlich als Volk zu leben“.

Da kann man sicher geteilter Meinung sein, es gibt dazu in den Diskussionen ja immer mehr alternative Ansätze. Dass gerade eine kirchliche Verlautbarung so etwas beinhaltet finde ich seltsam.

163. „Die Kategorie des Volkes mit ihrer positiven Wertung der gemeinschaftlichen und kulturellen Bindungen wird für gewöhnlich von den liberalen individualistischen Visionen abgelehnt […]. In bestimmten Kontexten wird oftmals des Populismus bezichtigt, wer aller die Rechte der Schwächsten in der Gesellschaft verteidigt.

Da habe ich vom klassischen Populisten doch ein ganz anderes Bild.

164 „In der Tat gibt es »kein Privatleben, wenn es nicht von einer öffentlichen Ordnung geschützt wird; ein Heim besitzt keine Behaglichkeit, wenn es nicht unter dem Schutz des Gesetzes steht und sich auf stabile Verhältnisse stützen kann“

… und sei es das Recht des Stärkeren. Aus der Bemerkung kann man schlecht eine moralische Rechtfertigung großer politischer Strukturen bauen, noch dazu, wenn man große wirtschaftliche Strukturen ablehnt, die das genauso leisten könnten.

165 „So brauchte zum Beispiel auch der barmherzige Samariter ein Gasthaus zur Unterstützung, weil er es momentan nicht allein schaffen konnte“

Ein Gasthaus ist aber kein Staat. Hätte der Samariter ohne Gasthaus nicht helfen können? Im Grunde handelt es sich dabei sogar um ein privates Wirtschaftsunternehmen. 

„Andererseits gibt es zuweilen linke Ideologien oder soziale Doktrinen, die mit individualistischen Gewohnheiten und unwirksamen Vorgehensweisen einhergehen und nur wenige erreichen.“

Ich kenne linke Richtungen eher mit Fokus auf Gruppen, denn auf Einzelne. Zudem sollte die Quantität hier eigentlich keine Rolle spielen dürfen.

„Dies zeigt, dass nicht nur eine Spiritualität der Geschwisterlichkeit wachsen muss, sondern zugleich eine weltweite wirksamere Organisation zur Lösung der drängenden Probleme der Verlassenen, die in den armen Ländern leiden und sterben. Dies schließt wiederum ein, dass es nicht nur einen möglichen Ausweg gibt, eine einzig annehmbare Methode, ein wirtschaftliches Rezept, das gleichermaßen auf alle angewendet werden kann, und es setzt voraus, dass auch die rigoroseste Wissenschaft verschiedene Wege aufzeigen kann.“

Hier wäre die Wissenschaft und Wirtschaft in großen Strukturen also gefragt. Wie geht das mit deren Abbau und der Entnahme vieler Anreize zusammen?

166 „Dies geschieht, wenn politische Propaganda, Medien und die öffentlichen Meinungsmacher angesichts der ökonomischen Interessen ohne Regeln und der Organisation der Gesellschaften im Dienst an den bereits zu mächtigen weiterhin eine individualistische, naive Kultur fördern. Daher bedeutet meine Kritik am technokratischen Paradigma nicht, dass wir nur durch die Kontrolle der Exzesse sicher sein können. Die größte Gefahr besteht vielmehr nicht in den Sachen, in den materiellen Wirklichkeiten, in den Organisationen, sondern in der Art und Weise, in der die Menschen sie benützen“

Natürlich braucht es Regeln. Aber als Regel zu Verpflichtung zum Verschenken der Erträge einzubringen, ist schon kontraproduktiv. Welche Regeln wären denn Wirtschaftsfördernd? Davon lese ich nichts.

„Diese Begierlichkeit ist kein Fehler unserer Epoche. Sie gibt es, seit der Mensch existiert. Sie wandelt sich einfach und nimmt im Lauf der Jahrhunderte verschiedene Formen an, indem sie die Werkzeuge verwendet, die ihr der historische Augenblick zur Verfügung stellt. Aber mit Gottes Hilfe ist es möglich, sie zu beherrschen.“

Sollen wir also einen neuen Menschen schaffen? Das steht ja in guter Tradition…

168 „Der Markt allein löst nicht alle Probleme, auch wenn man uns zuweilen dieses Dogma des neoliberalen Credos glaubhaft machen will. […] Einerseits ist eine aktive Wirtschaftspolitik unverzichtbar, die darauf ausgerichtet ist »eine Wirtschaftzu fördern, welche die Produktionsvielfalt und die Unternehmerkreativität begünstigt«, damit es möglich ist, die Anzahl von Arbeitsplätzen zu erhöhen, anstatt sie zu Senken. Eine Finanzspekulation mit billigem Gewinn als grundlegendem Ziel richtet weiter Unheil an.“

Das klingt ein wenig wie „produzieren und Angestellte bezahlen: ja, verkaufen: nein.“ 

„Die Zerbrechlichkeit der weltweiten Systeme angesichts der Pandemie hat gezeigt, dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden kann und dass – über die Rehabilitierung einer gesunden Politik hinaus, die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist – wir »die Menschenwürde wieder in den Mittelpunkt stellen müssen. Auf diesem Grundpfeiler müssen die sozialen Alternativen erbaut sein, die wir brauchen.«“

Mir scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Corona hat gezeigt, dass eine schlechte Regierung auch eine starke Wirtschaft zu Fall bringen kann.

169 „Es ist notwendig, die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Partizipation in einer Weise zu konzipieren, »die die Volksbewegungen mit einschließen und die lokalen, nationalen und internationalen Regierungsstrukturen mit jenem Strom moralischer Energie beleben, der der Miteinbeziehung der Ausgeschlossenen in den Aufbau unseres gemeinsamen Schicksals entspringt.« Zugleich ist es gut, dafür zu sorgen, »dass diese Bewegungen, diese Erfahrungen der Solidarität, die von der Basis – sozusagen vom „Untergeschoss“ des Planeten Erde – ausgehen, zusammenfließen, koordinierter [sind] und sich austauschen«.

Das klingt schon arg nach der sozialromantischen Annahme, die Armen seien die besseren Menschen. Ich denke, wer mitbestimmen will, sollte schon auch die Qualifikation nachweisen können.

172. Das 21. Jahrhundert ist »Schauplatz eines Machtschwunds der Nationalstaaten, vor allem weil die Dimension von Wirtschaft und Finanzen, die transnationalen Charakter besitzt, tendenziell die Vorherrschaft über die Politik gewinnt. In diesem Kontext wird es unerlässlich, stärkere und wirkkräftig organisierte internationale Institutionen zu entwickeln“

Wirtschaft und Finanzen stellen solche Strukturen bereits dar. Ihnen sollen also politische Institutionen beiseitegestellt werden? Das Schwinden der Macht einiger Nationalstaaten mag auch mit deren Politik zusammen hängen, Institutionen wie die UNO verlieren ja auch an Einfluss – vor allem schwindet in den Staaten Verständnis für deren Legitimation. Ich beobachte eher den Trend zur Renaissance kleinerer Strukturen.

173. „In diesem Zusammenhang erinnere ich daran, dass eine »Reform sowohl der Organisation der Vereinten Nationen als auch der internationalen Wirtschafts- und Finanzgestaltung« notwendig ist, »damit dem Konzept einer Familie der Nationen reale und konkrete Form gegeben werden kann.“

Wie soll das aussehen? Ich sehe da keinen Weg hin, im Gegenteil. Die Kluft verstärkt sich allerorts.

175. „Gott sei Dank helfen viele Vereinigungen und Organisationen der Zivilgesellschaft, die Schwächen der internationalen Gemeinschaft, ihren Mangel an Koordination in komplexen Situationen, ihr Fehlen an Aufmerksamkeit für die grundlegenden Menschenrechte und für äußerst kritische Situationen einiger Gruppen auszugleichen. So findet das Subsidiaritätsprinzip einen konkreten Ausdruck.“

Um die strukturellen Fehler der großen auszubessern, müssen kleinere Strukturen herhalte? Das Subsidiaritätsprinzip wie ich es kenne, bedeutet das Gegenteil: Die Kleinen tragen die Hauptlast, nur was sie nicht mehr tragen können, wird nach oben delegiert.

176. „Für viele ist die heutige Politik ein Schimpfwort, und es ist nicht zu übersehen, dass hinter dieser Tatsache oft Fehler, Korruption und Ineffizienz mancher Politiker stehen. Hierzu kommen noch Strategien, die darauf abzielen, die Politik zu schwächen, sie durch die Wirtschaft zu ersetzen oder sie mit einer Ideologie zu beherrschen.“ 

Ich nehme vor allem zuviel Staat, zu wenig private Wirtschaft, staatliche Misswirtschaft und ideologiegetriebene Zerstörung wahr. 

177. „Ich darf betonen: »Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen.«  Ich denke an eine »solide Politik […], die die Institutionen zu reformieren und zu koordinieren vermag und die auch deren Betrieb ohne Pressionen und lasterhafte Trägheit gewährleistet«. Das kann man nicht von der Wirtschaft verlangen.“

Von der Politik aber doch noch viel weniger. Woher sollte sie denn kommen?

179 „Nur eine gesunde Politik könnte hier die Führungsrolle übernehmen und dabei die verschiedensten Sektoren und die unterschiedlichsten Wissensbereiche einbeziehen. So kann eine Wirtschaft, die sich in ein politisches, soziales, kulturelles und vom Volk her kommendes Projekt für das Gemeinwohl einfügt, »den Weg für andere Möglichkeiten [eröffnen], die nicht etwa bedeuten, die Kreativität des Menschen und seinen Sinn für Fortschritt zu bremsen, sondern diese Energie auf neue Anliegen hin auszurichten«.“

Wie soll das konkret aussehen, wenn die Wirtschaft überall beschnitten wird und der Staat gestärkt werden soll? Wo zeigt der Staat denn die hier herbeigebetete Souveränität und Reife? Ich beobachte ganz anderes.

180. „Es ist keine pure Utopie, jeden Menschen als Bruder oder Schwester anerkennen zu wollen und eine soziale Freundschaft zu suchen, die alle integriert.“

Vielleicht nicht für den einzelnen, wohlmeinenden Menschen. Aber für Institutionen schon. Da besteht ein großer Unterschied.

„Es geht darum, zu einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung zu gelangen, deren Seele die gesellschaftliche Nächstenliebe ist. Nochmals lade ich dazu ein, die Politik neu zu bewerten, die eine »sehr hohe Berufung [ist], […] eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe, weil sie das Gemeinwohl anstrebt«

Ich halte das für Wunschdenken, zumal hier kein konkreter Weg dahin aufgezeigt ist.

182. „Diese politische Nächstenliebe schließt ein, einen gesellschaftlichen Sinn entwickelt zu haben, der jede individualistische Mentalität überwindet“

So klingt der Traum der Kommunisten. Christen kennen und schätzen die persönliche Beziehung, sehen Nächstenliebe im Nächsten, als Person. Dass Gott Person geworden ist, wäre vielleicht auch einmal ein Gedanke wert.

„Jeder ist dann wirklich eine Person, wenn er zu einem Volk gehört, und gleichzeitig gibt es kein wahres Volk ohne Respekt vor dem Angesicht jeder Person. Volk und Person sind korrelative Begriffe. Heute jedoch maßt man sich an, Personen auf Individuen zu reduzieren, die leicht von Mächten beherrscht werden“

Wird so das Volk nicht zu göttlicher Stelle erhoben; zu einer Art pantheistischen Gottheit? Ist es nicht vielmehr so, dass die Person des Menschen vom Individuum durch deren Transzendenz, durch den Gottesbezug und nicht durch ihr Volk unterschieden ist?

184 „Wenn sie [die Liebe] sich zur Wahrheit verpflichtet, um nicht einfaches »Opfer der zufälligen Gefühle und Meinungen der Einzelnen«[176] zu sein, ist sie viel mehr als eine subjektive Sentimentalität.“

Und worin besteht die Wahrheit? Dort, wo der Blick auf die Natur des Menschen, auf die Zerrissenheit aber auch seine Fähigkeiten gelenkt werden könnte, dort finde ich in der Enzyklika nur Allgemeinplätze zu Wirtschaft vs. Offenheit. Keine Inhalte, die ja Kern jeglichen Verständnisses von Wahrheit sein müssen. So bleibt der Begriff „Wahrheit“ bloß ein Wort.

„Ohne die Wahrheit fehlen der menschlichen Emotivität die relationalen und sozialen Komponenten. Daher schützt die Öffnung auf die Wahrheit hin die Liebe vor einem falschen Glauben, »der ihr die menschliche und universelle Weite nimmt«“

Ist es nicht vielmehr so, dass die Liebe per se relational und sozial ist? Die Wahrheit definiert, sie grenzt ein, sie lenkt. Sie mag aus dem engen Sumpf der Emotionalität herausführen, aber sie lenkt den Blick auch nicht in die Ferne, sondern auf Konkretes.

185. „Die Liebe bedarf des Lichts der Wahrheit, die wir beständig suchen, und diese »ist das Licht der Vernunft wie auch des Glaubens«,[180] ohne Relativismen. Dies impliziert auch die Entwicklung der Wissenschaften und ihren unersetzlichen Beitrag, um konkrete und sichere Wege zum Erzielen der erhofften Ergebnisse zu finden“

Und wie betreibe ich Wissenschaft, wenn ich keine milliardenschweren Unternehmen habe? Schnitze ich mir einen modernen Prozessor aus Holz? Fliege ich mit einem selbstgestrickten Drachen zum Mond oder aus dem Sonnensystem heraus? Treibe ich medizinische Forschung im Sandkasten?
Wenn hier eingelenkt wird, dass die Suche nach Wahrheit und Forschung zusammenhängen, dann geht das nicht ohne Wirtschaft. Generell fehlt die Würdigung der modernen Errungenschaften durch eben diese so verrufene Wirtschaft. Die Möglichkeit der Überproduktion, die Steigerung der Lebensqualität in den letzten Jahrzehnten ist messbar und nicht durch gute Worte, sondern durch so schnöde Dinge wie Versicherungen, Düngemittelhersteller und Banken entstanden.

186. „Es gibt eine sogenannte Liebe „aus innerem Verlangen“: Das sind die Akte, die direkt aus der Tugend der Liebe hervorgehen und sich auf Personen oder Völker richten. Es gibt sodann eine „gebotene“ Liebe: Das sind jene Akte der Liebe, die dazu anspornen, bessere Institutionen zu schaffen, gerechtere Ordnungen, solidarischere Strukturen.“

Ich kann damit so losgelöst wenig anfangen. Für mich klingt das nach schönen Behauptungen. Wie man dazu kommt, woher das Gebot stammt, etc. erschließt sich mir nicht.

188 „Die Politiker sind gerufen, »sich der Gebrechlichkeit anzunehmen, [es] bedeutet Kraft und Zärtlichkeit, bedeutet Kampf und Fruchtbarkeit inmitten eines funktionellen und privatistischen Modells, das unweigerlich zur „Wegwerf-Kultur“ führt.“

Meiner Erfahrung nach wäre der beste Weg, die großen Ressourcen der technologischen Entwicklung intelligent zu nutzen.

189. „Wir sind noch weit entfernt von einer Globalisierung der grundlegenden Menschenrechte. Daher kann es die Weltpolitik nicht unterlassen, unter ihre unverzichtbaren Hauptziele die effektive Beseitigung des Hungers aufzunehmen“

Hier erschließt sich mir der Kausalzusammenhang nicht. Natürlich ist Hunger zu bekämpfen. Aber ob das dadurch gelingt, dass man den Börsenhandel aussetzt oder die Vernichtung von Überflüssigem stoppt, scheint mir deutlich zu kurz gegriffen.

192. „In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, dass wir gemeinsam mit dem Großimam Ahmad Al-Tayyeb »von den Architekten der internationalen Politik und der globalen Wirtschaft ein ernsthaftes Engagement zur Verbreitung einer Kultur der Toleranz, des Zusammenlebens und des Friedens [verlangt haben,] „

Also – wer bei dem Begriff vom Architekten nicht an Baumeister denkt … 

195. „Somit sehen wir, dass es nicht immer um große Resultate, die zuweilen nicht möglich sind, geht. Im politischen Einsatz muss man daran erinnern: »Jenseits aller äußeren Erscheinung ist jeder unendlich heilig und verdient unsere Liebe und unsere Hingabe.“

Und weiter oben war noch die Quantität ausschlaggebend. Was stimmt nun?

197 „Die vielleicht schmerzlichen Fragen werden sein: „Wie viel Liebe habe ich in meine Arbeit gelegt? Wo habe ich das Volk vorangebracht? Welche Spur habe ich im Leben der Gesellschaft hinterlassen? Welche realen Bindungen habe ich aufgebaut? Welche positiven Kräfte habe ich freigesetzt? Wie viel sozialen Frieden habe ich gesät? Was habe ich an dem Platz, der mir anvertraut wurde, bewirkt?“

Ok.

VI Dialog und soziale Freundschaft

199. „Einige versuchen, der Realität zu entfliehen, indem sie sich in die Privatsphäre zurückziehen, andere begegnen ihr mit zerstörerischer Gewalt. Aber »zwischen der egoistischen Gleichgültigkeit und dem gewaltsamen Protest gibt es eine Option, die immer möglich ist: den Dialog.“

Erst einmal gehört zum Dialog die Bereitschaft beider Parteien. Und dann ist noch längst nicht umgesetzt, was mündlich zugesagt wird.

200 „Meinungsaustausch in sozialen Netzwerken, der nicht selten durch nicht immer zuverlässige Medieninformationen beeinflusst wird. Das sind nur parallel verlaufende Monologe, die vielleicht durch ihren lauten, aggressiven Ton die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen. Monologe aber verpflichten niemanden, so dass ihr Inhalt nicht selten opportunistisch und widersprüchlich ist.“

Das kommt schon auf jeden Einzelnen an. Gerade dort würde ich meinen, bieten sich ja doch zahlreiche Dialogmöglichkeiten, wenn man sich entsprechend verhält.

201 „Die Debatte wird oft von mächtigen Partikularinteressen gelenkt, die hinterlistig versuchen, die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen.“

Und diese Enzyklika versucht das nicht? Oder ist es bei ihr nur einfach nicht hinterlistig?

203. „Der echte Dialog innerhalb der Gesellschaft setzt die Fähigkeit voraus, den Standpunkt des anderen zu respektieren und zu akzeptieren, dass er möglicherweise gerechtfertigte Überzeugungen oder Interessen enthält. […] denn »in einem wahren Geist des Dialogs wächst die Fähigkeit, den Sinn dessen zu verstehen, was der andere sagt und tut, auch wenn man es nicht als eigene Überzeugung für sich selbst übernehmen kann. „

Und was ist, wenn man genau versteht, dass der andere Unrecht plant? Akzeptiere ich das dann? Gibt es nichts, wo man auch aufstehen und für eine Sache eintreten muss?

204. „Heute besteht die Überzeugung, dass neben den wissenschaftlichen Entwicklungen in den Fachgebieten auch der interdisziplinäre Austausch notwendig ist. Die Wirklichkeit ist nämlich eine, auch wenn man sich ihr aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Methoden annähern kann.“

Probleme entstehen selten durch unterschiedliche Sichtweisen oder Methoden, sondern durch unterschiedliche Auffassungen bei Nutzung identischer Methoden. 

206. „Der Relativismus ist keine Lösung. Unter dem Deckmantel von vermeintlicher Toleranz führt er letztendlich dazu, dass die Mächtigen sittliche Werte der momentanen Zweckmäßigkeit entsprechend interpretieren.“

Das ist schön gesagt. Solange aber nicht die unverrückbaren Wahrheiten nicht konkretisiert werden, bleibt es inhaltsleer.

207 „Was ist das Gesetz ohne die auf einem langen Weg des Nachdenkens und der Weisheit erlangten Überzeugung, dass jeder Mensch heilig und unantastbar ist? Damit eine Gesellschaft eine Zukunft besitzt, muss sie eine tiefe Achtung vor der Wahrheit der Menschenwürde entwickeln, der wir uns unterwerfen. Dann wird man es nicht aus Furcht vor gesellschaftlicher Ächtung und vor der Last des Gesetzes, sondern aus Überzeugung unterlassen, jemanden zu töten.“

Das ist hier eine der ganz wenigen Stellen, in der einmal konkret eine Wahrheit benannt wird. „Du sollst nicht töten“. Wie die Gesellschaft aber auf diese Erkenntnis kommen kann, ist nicht gesagt. Allein durch Nachdenken, vermute ich, wird nicht ausreichen.

208. „Wir müssen uns angewöhnen, die verschiedenen Arten und Weisen der Manipulation, Verzerrung und Verschleierung der Wahrheit im öffentlichen und privaten Bereich zu entlarven.“

Ein wenig breitet sich bei mir das Gefühl aus, dass gerade Texte wie diese Enzyklika zur Verschleierung der Wahrheit mehr beitragen, als dass sie sie entlarven.

„Durch die Erforschung der menschlichen Natur entdeckt die Vernunft Werte, die universell sind, weil sie sich von ihr ableiten.“

Ein erfreulicher Hinweis auf das Naturrecht, aber geht es, abgesehen vom Tötungsverbot, nicht auch konkreter? Wenn z.B. schon die ganze Zeit von Liebe geredet wird, wie wäre es mit ein paar Worten zum Thema Ehe?

209. „Könnte es anderenfalls nicht vielleicht geschehen, dass die grundlegenden Menschenrechte, hinter die man heute nicht zurückgehen kann, von den jeweiligen Mächtigen verwehrt werden, nachdem sie den „Konsens“ einer eingeschläferten und eingeschüchterten Bevölkerung erlangt haben?“

Das ist doch schon längst geschehen. Die Menschenrechte bröckel nicht erst seit heute, muslimische Länder haben schon lange ihre eigenen Spezifikationen. Aber mal ganz allgemein: Warum greift man auf diese säkularisierten Begriffe zurückgreifen, wenn man eine katholische Enzyklika schreibt? Gibt es da keine christlichen Werte, die man aufzeigen und begründen könnte? Die Stellungnahme gegen den Relativismus und für das Naturrecht ist wichtig und gut. Deren Grundlage bleibt für den Atheisten allerdings offen. 

210. „Was heute mit uns geschieht und was uns in eine verkehrte und leere Logik hineinzieht, ist darauf zurückzuführen, dass es eine Assimilation von Ethik und Politik mit den Gesetzen der Physik gibt. Es gibt kein Gut und Böse an sich, sondern nur eine Berechnung von Vor- und Nachteilen. Die Verdrängung der sittlichen Vernunft hat zur Folge, dass sich das Recht nicht auf eine Grundkonzeption von Gerechtigkeit beziehen kann, sondern zum Spiegel der herrschenden Ideen wird. Hier beginnt der Verfall: eine fortschreitende „Nivellierung nach unten“ durch einen oberflächlichen Verhandlungskonsens. So triumphiert am Ende die Logik der Gewalt.“

Für mich ist das eine der besten Stellen der ganzen Schrift. Dem habe ich nichts hinzuzufügen, die Analyse trifft genau. Hierauf hätte man konsequent aufbauen können.

211. „In einer pluralistischen Gesellschaft ist der Dialog der beste Weg zur Anerkennung dessen, was stets bejaht und respektiert werden muss und was über einen umstandsbedingten Konsens hinausgeht.“

Das sehe ich anders. Auch hier gilt, nicht die Mehrheit entscheidet über die ethische Qualität.

213  Der Verstand kann also durch Reflexion, Erfahrung und Dialog die Wirklichkeit der Dinge erforschen, um innerhalb dieser Wirklichkeit, die ihn übersteigt, die Grundlage bestimmter allgemeingültiger sittlicher Ansprüche zu erkennen

Also kann er das demnach aus sich heraus? Ohne Offenbarung?

214. „Agnostikern mag diese Grundlage ausreichend erscheinen, um den nicht verhandelbaren ethischen Grundprinzipien eine starke und beständige universelle Gültigkeit zu verleihen und weitere Katastrophen zu verhindern. Für Gläubige ist die menschliche Natur als Quelle ethischer Prinzipien von Gott geschaffen, der diesen Prinzipien letztlich eine feste Grundlage verleiht“

Wenn beides zum gleichen Ergebnis kommt, warum dann noch die „Hypothese“ Gott? Nur für die dummen Christen, die nicht selbst weit genug denken können?

217. „Der soziale Frieden erfordert harte Arbeit, Handarbeit. Es wäre einfacher, die Freiheiten und Unterschiede mit ein wenig List und verschiedenen Ressourcen im Zaum zu halten. Aber dieser Frieden wäre oberflächlich und brüchig, und nicht die Frucht einer Kultur der Begegnung, die ihn stützen sollte.“

Ich fürchte, dass das nur unter der Voraussetzung funktioniert, dass es keine Unterschiede, keine wirklichen Gegensätze gibt.

„Worauf es ankommt, ist, Prozesse der Begegnung in Gang zu setzen, Prozesse, die ein Volk aufbauen, das die Unterschiede in sich aufnimmt. Rüsten wir unsere Kinder mit den Waffen des Dialogs aus! Lehren wir sie den guten Kampf der Begegnung!“

Es geht also um einen gesellschaftlichen Umbau. Ist es das, was Christus gewollt hat? Wollte er die Römer besiegen? Oder geht es hier nicht um Themen, die man oft dem Stichwort der „Neuen Weltordnung“ zuschreibt?

219. „Wenn ein Teil der Gesellschaft beansprucht, alles zu genießen, was die Welt zu bieten hat, als würde es die Armen nicht geben, dann hat dies irgendwann Folgen.“ 

TWer tut denn das? Für mich klingt das ein wenig nach dem guten Strohmannargument. Man müsste auch fragen, was dieses „alles“ ist. Ich denke, mit der richtigen Technik löst man so ziemlich jedes Ressourcenproblem besser, als durch Gängelung von Produzenten.

„Daher muss ein realistischer integrativer Sozialpakt auch ein „Kulturpakt“ sein, der die unterschiedlichen Weltanschauungen, Kulturen oder Lebensstile, die in der Gesellschaft nebeneinander bestehen, respektiert und berücksichtigt“

Hier zeigt sich trotz anderweitiger Beteuerung der Relativismus ganz deutlich. E wird einfach davon ausgegangen, dass alle Kulturen und Lebensstile gleich wahr sind, zumindest nicht schaden und nebeneinanderstehen. So habe ich das in der Kirchenlehre bisher nicht vernommen. 

220. „So sind zum Beispiel die ursprünglichen Völker nicht gegen den Fortschritt, sondern haben eine andere Vorstellung von Fortschritt, oft humanistischer als die der modernen Kultur der Industrieländer.“

Mit diesem Fortschrittsbegriff tue ich mich schwer. Mir scheint, hier stellt man ein beliebiges Naturvolk unserer Zivilisation voran? Was heißt das konkret? Will man auf moderne Medikamente verzichten? Warum sollten Naturheilverfahren prinzipiell besser sein? Der Text zeigt im Weiteren dazu passend, ein paar sozialromantische Vorstellungen der Menschen aus vorzivilisatorischen Zeiten auf, die ich mir hier zu zitieren spare.

221 „Niemand wird die ganze Wahrheit besitzen oder alle seine Wünsche erfüllen können. Ein solcher Anspruch würde nämlich dazu führen, den anderen zu zerstören, indem man ihm seine Rechte verweigert.“

Die Kausalität leuchtet mir so ohne weitere Erklärung nicht ein. 

222. „Der Konsumindividualismus verursacht viel Missbrauch. Die anderen Menschen werden zu bloßen Hindernissen für die eigene angenehme Ruhe. […] Dies verschärft sich und erreicht unerträgliche Ausmaße in Krisenzeiten, in Katastrophensituationen, in schwierigen Momenten“

Ich finde, man tut hier vielen Menschen aus den sog. Geberländern schwer unrecht. So wird das vom Christentum ausgehende enorme Ausmaß der Hilfsbereitschaft, gerade der Industrienationen, nicht nur verkannt, sondern schlicht geleugnet.

224. „Freundlichkeit befreit uns von der Grausamkeit, die manchmal die menschlichen Beziehungen durchdringt“

Nuja, durch Freundlichkeit kann man aber auch die eine oder andere Grausamkeit verdecken … 

VII Wege zu einer neuen Begegnung

226 „Im Laufe der Zeit haben wir uns alle verändert. Der Schmerz und die Auseinandersetzungen haben uns verändert. Außerdem gibt es für leere Diplomatie, für Verstellung, für Doppelzüngigkeit, für Verheimlichung, für gute Manieren, die die Realität verschleiern, keinen Platz mehr.“

Okay? Da lebe ich scheinbar in einem vollkommen anderen Universum.

227. „Denn »die Wahrheit ist die untrennbare Gefährtin der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.“

Dem wiederum kann ich uneingeschränkt zustimmen. 

229. „Wie die Bischöfe Südafrikas lehrten, wird wahre Versöhnung proaktiv erreicht, nämlich dadurch, »dass man eine neue Gesellschaft formt, die auf dem Dienst am Nächsten gründet, anstatt auf dem Wunsch zu dominieren;“

Gibt es dazu Beispiele? Gibt es gerade in Afrika Expertisen, aufgrund derer man das so machen möchte, oder handelt es sich nicht eher frommes Wunschdenken?

231 „Es gibt eine „Architektur“ des Friedens, zu der die verschiedenen Institutionen der Gesellschaft je nach eigener Kompetenz beitragen; doch es gibt auch ein „Handwerk“ des Friedens, das uns alle einbezieht. Aus den unterschiedlichen Friedensprozessen in diversen Erdteilen »haben [wir] gelernt, dass diese Wege der Versöhnung, des Vorrangs der Vernunft über die Vergeltung, der zerbrechlichen Harmonie zwischen Politik und Recht nicht die Vorgänge im Volk umgehen können.“

Auch hier würden mich Beispiele sehr interessieren. Wo wurde eine Architektur des Friedens erfolgreich angewandt?

232. „Es gibt keinen Schlusspunkt beim Aufbau des gesellschaftlichen Friedens eines Landes; es handelt sich vielmehr um »eine Aufgabe, die keine Ruhepause zulässt und den Einsatz aller erfordert.“ 

Sowas nennt man wohl Bauernschläue. Wenn man nie fertig wird, braucht man auch kein Ergebnis vorzuweisen.

234. „Die Geringsten der Gesellschaft wurden oft durch ungerechte Verallgemeinerungen verletzt. Manchmal reagieren die Ärmsten und Ausgestoßenen mit antisozial erscheinenden Haltungen.“

Ja, und nicht nur die.

„So lehrten die Bischöfe Lateinamerikas: »Nur wenn wir den Armen so nahe kommen, dass Freundschaft entstehen kann, werden wir wahrhaft schätzen lernen, was den Armen von heute wichtig ist“

Natürlich. Wenn man Freundschaften knüpft, wenn man zum Clan oder zur Familie gehört, dann lernt man die Leute kennen und wird geschützt. Gleichzeitig macht man sich aber andere Clans zum Feind. So funktioniert das häufig in armen und vorzivilisatorischen Gesellschaften. Leider ist das oft aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht möglich.

236 „Aus diesem Grund sind sie der Ansicht, es sei besser, ein Machtspiel aufrechtzuerhalten, das ein Kräftegleichgewicht zwischen verschiedenen Gruppierungen ermöglicht. Wieder andere meinen, Versöhnung sei etwas für Schwache, die nicht zu einem ernsthaften Dialog imstande sind“.

Zustimmung. Und was folgt daraus?

237 „Es besteht allerdings die Gefahr, dass Glaubensüberzeugungen nicht entsprechend verstanden und so dargestellt werden, dass sie am Ende Fatalismus, Handlungslosigkeit oder Ungerechtigkeit nähren oder – als entgegengesetztes Extrem – Intoleranz und Gewalt.“

Das ist kaum abzustreiten. Es greift aber nicht weit genug, denn genau das, vielleicht noch stärker, kann geschehen, wenn die Glaubensüberzeugungen verstanden werden, sich aber fundamental von den eigenen unterscheiden.

Die Enzyklika fährt nun mit einigen Bibelstellen fort, die zu Friedfertigkeit aufrufen. Auch hier findet sich das Problem, dass Texte, die zur persönlichen Reife, zur geistigen Bildung und Erbauung an Personen mit besten Absichten gerichtet sind, nicht einfach so auf Staatspolitik übertragen werden können.

240  „Es ist daher keine Einladung, den Konflikt zu suchen, sondern einfach den unvermeidlichen Konflikt zu ertragen. Die Achtung vor anderen Menschen darf nicht dazu führen, um des vermeintlichen Friedens in Familie und Gesellschaft willen sich selbst untreu zu werden.“

Einen Konflikt nur zu ertragen, kann in vielen Fällen nicht ausreichen. Wie ist es denn z.B. in Bezug auf Schutzempfohlene, für die man Verantwortung hat? 

„Der heilige Johannes Paul II. hat gesagt, dass die Kirche »keineswegs die Absicht [hat], jegliche Form sozialer Konflikte zu verurteilen. Die Kirche weiß nur zu gut, dass in der Geschichte unvermeidlich Interessenskonflikte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen auftreten und dass der Christ dazu oft entschieden und konsequent Stellung beziehen muss«.“

Nachdem man dafür die Mittel für unlauter erklärt, klingt das ein wenig höhnisch.

„Wir sind gerufen, ausnahmslos alle zu lieben, aber einen Unterdrücker zu lieben bedeutet nicht, zuzulassen, dass er es weiter bleibt; es bedeutet auch nicht, ihn im Glauben zu belassen, dass sein Handeln hinnehmbar sei.“

Auch hier wäre es schön, wenn es konkreter würde. Wie erkennt man, dass jemand ein Unterdrücker ist, ab wann gilt dieser Widerstand und wie darf er konkret aussehen?

241 „Wer Unrecht erleidet, muss seine Rechte und die seiner Familie nachdrücklich verteidigen“

Ja, aber wie?

243. „Es stimmt, »es ist keine leichte Aufgabe, das vom Konflikt hinterlassene bittere Erbe von Ungerechtigkeit, Feindseligkeit und Misstrauen zu überwinden“

Vor allem, wenn man keine Rückendeckung hat und im Grund gleichzeitig zur Verteidigung wie zur Selbstaufopferung gerufen ist. Anschließend kann man immer sagen, es sei falsch gewesen, was getan wurde.

245. „Ich habe wiederholt ein Prinzip vorgeschlagen, »das zum Aufbau einer sozialen Freundschaft unabdingbar ist, und dieses lautet: Die Einheit steht über dem Konflikt.“

Aber doch nicht, wenn der Konflikt tatsächlich trennt. Wenn Menschen für Abtreibung eintreten, wenn sie meinen, die Natur stünde über dem Menschen, wenn sie denken, Krieg wäre die Lösung, etc., dann ist eine übergeordnete Einheit halt oft auch schlicht nicht vorhanden.

„Es geht nicht darum, für einen Synkretismus einzutreten, und auch nicht darum, den einen im anderen zu absorbieren, sondern es geht um eine Lösung auf einer höheren Ebene, welche die wertvollen innewohnenden Möglichkeiten und die Polaritäten im Streit beibehält«“

Es mag nicht drum gehen, aber es ist Synkretismus. Hier wird stillschweigend davon ausgegangen, dass es eine höhere gemeinsame Ebene gäbe, in der alles zusammen laufe. Das ist aber häufig nicht so.

246. „Von dem, der auf ungerechte und grausame Weise viel gelitten hat, kann man nicht eine Art „gesellschaftliche Vergebung“ verlangen. Versöhnung ist eine persönliche Angelegenheit: Niemand kann sie einer ganzen Gesellschaft aufzwingen, selbst wenn sie gefördert werden muss“

Und doch wird es im Text dauernd mehr oder weniger direkt verlangt. …

247. „Die Shoah darf nicht vergessen werden. Sie ist »ein Symbol dafür […] wie weit die Ruchlosigkeit des Menschen gehen kann, wenn er, durch falsche Ideologien angestiftet, die grundlegende Würde eines jeden Menschen vergisst.“

Hier noch einmal der Hinweis auf die etwas nervige Masche dieses Textes: Immer wieder werden Gegenargumente aufgegriffen, als ob sie durch bloße Nennung entkräften würden. Hätte man damals als Jude mit den Nazis nur diskutieren müssen? Hätte man eine gemeinsame Ebene finden müssen? Was soll das Beispiel an dieser Stelle sagen? Im Weiteren werden Beispiele von Atombomben, Sklaverei und ähnlichem angeführt. Man dürfe das alles nicht zulassen, aber wie man es verhindern kann, wird auch nicht gesagt.

 249 „Wir müssen »das kollektive Bewusstsein lebendig erhalten« und »den nachfolgenden Generationen das schreckliche Geschehen« bezeugen.“

Sicher. Aber helfen wird das kaum.

251. „Diejenigen, die vergeben, vergessen nämlich nicht. Aber sie weigern sich, von der gleichen zerstörerischen Kraft besessen zu werden, die ihnen Leid zugefügt hat.“

Der Aufruf zur Vergebung (der Hinterbliebenen) ist sicher sinnvoll. Aber er hindert Aggressoren halt leider nicht.

252. „Wir sprechen auch nicht von Straflosigkeit. Aber Gerechtigkeit wird nur aus Liebe zur Gerechtigkeit selbst, aus Respekt vor den Opfern, zur Verhinderung weiterer Verbrechen und zur Wahrung des Gemeinwohls wahrhaft gesucht, nicht als vermeintliche Entladung des eigenen Zornes.“

Und wie sollte so eine Strafe dann aussehen? Ich bin fast geneigt zu fragen, ob der angestrebte Dialog hier schon als Strafe zu werten ist.

253. „Wo es beiderseitige Ungerechtigkeiten gab, sollte klar erkannt werden, dass sie möglicherweise nicht von gleicher Schwere waren oder nicht vergleichbar sind. Gewalt durch staatliche Machtstrukturen befindet sich nicht auf der gleichen Ebene wie Gewalt durch bestimmte Gruppierungen. Jedenfalls kann nicht verlangt werden, dass nur an die ungerechten Leiden einer der beiden Seiten erinnert wird. Wie die Bischöfe Kroatiens lehrten, »schulden wir jedem unschuldigen Opfer den gleichen Respekt. Hier darf es keine ethnischen, konfessionellen, nationalen oder politischen Unterschiede geben«“

Also ist Staat und Person doch unterschieden. Was aber folgt konkret draus?

258 „Der springende Punkt ist, dass durch die Entwicklung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen und den enormen wachsenden Möglichkeiten der neuen Technologien, der Krieg eine außer Kontrolle geratene Zerstörungskraft erreicht hat, die viele unschuldige Zivilisten trifft.“

Hilft es, sich einem nuklearen Gegner zu erwehren, wenn man das weiß? Natürlich ist Krieg zu vermeiden, aber was ist der Ausweg? 

261. „Jeder Krieg hinterlässt die Welt schlechter, als er sie vorgefunden hat. Krieg ist ein Versagen der Politik und der Menschheit“

Ja, das ist richtig. Dennoch finden Kriege statt. Dauernd.

262. „Auch Regeln werden nicht ausreichen, wenn man meint, die Lösung der heutigen Probleme bestünde darin, andere durch Angst abzuschrecken, indem man mit dem Einsatz von nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen droht. Denn »zieht man die Hauptbedrohungen für Frieden und Sicherheit mit ihren vielen Aspekten in dieser multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts in Betracht – wie zum Beispiel Terrorismus, asymmetrische Konflikte, Cyber-Sicherheit, Umweltprobleme, Armut –, dann kommen einem nicht wenige Zweifel aufgrund der Unangemessenheit nuklearer Abschreckung als wirksamer Antwort auf diese Herausforderungen.“

Nochmal. Was ist die Lösung? Einseitig abrüsten? Dass eine Abschreckung nicht gegen alles wirken liegt doch auf der Hand. Darum ist sie aber nicht per so wirkungslos.

„Vertrauen kann nur durch einen Dialog aufgebaut werden, der ehrlich auf das Gemeinwohl abzielt und nicht auf den Schutz von verschleierten Interessen oder Eigeninteressen«. Und mit dem Geld, das für Waffen und andere Militärausgaben verwendet wird, richten wir einen Weltfonds ein, um dem Hunger ein für alle Mal ein Ende zu setzen und die Entwicklung der ärmsten Länder zu fördern“

Wenn es doch so einfach wäre! Die Enzyklika entwirft immer wieder völlig in der Luft hängende und von einem fiktiven Menschenbild ausgehende Szenarien, ohne zu erklären, wie die gesteckten Ziele zu erreichen sind, was für Schritte zu unternehmen sind und wie der Weg dahin aussehen soll. Hin und wieder blicken ein paar Methoden durch, aber das alles klingt schon sehr konstruktivistisch.

263. „Es gibt einen weiteren Weg, den anderen zu vernichten, bei dem es nicht um Länder, sondern um Menschen geht. Es ist die Todesstrafe. Der heilige Johannes Paul II. hat klar und entschieden erklärt, dass sie auf moralischer Ebene ungeeignet und schon auf strafrechtlicher Ebene unnötig ist.“

Zustimmung. 

267. „Wie ich betonen möchte, ist es »unvorstellbar, dass die Staaten heute nicht über andere Mittel verfügen als die Todesstrafe, um das Leben anderer Menschen vor ungerechten Angreifern zu schützen«“

Und wie bringt man sie dazu?

„Alle Christen und Menschen guten Willens sind daher heute aufgerufen, nicht nur für die Abschaffung der Todesstrafe – ganz gleich, ob diese legal oder illegal ist – in allen ihren Formen, sondern auch für die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Gefängnissen zu kämpfen, unter Achtung der Menschenwürde der Personen, denen die Freiheit entzogen ist. Und dies verbinde ich mit der lebenslangen Freiheitsstrafe. […] Die lebenslange Freiheitsstrafe ist eine versteckte Todesstrafe«.“

Ein rühriger Appell, nur kann ich mir so gar nicht vorstellen, dass überzeuge Staaten daraufhin zu der Erkenntnis gelangen, dass sie falsch handeln. So wird das Anliegen vermutlich ungehört verhallen.

VIII Die Religionen im Dienst an der Geschwisterlichkeit in der Welt

271. „Ausgehend von der Wertschätzung jedes Menschen als Geschöpf mit der Berufung zur Gotteskindschaft, leisten die verschiedenen Religionen einen wertvollen Beitrag zum Aufbau von Geschwisterlichkeit und zur Verteidigung der Gerechtigkeit in der Gesellschaft.“

Ist das so? Für mich stellt sich das in weiten Bereichen geradezu gegenteilig dar.

„»die Vernunft für sich allein ist imstande, die Gleichheit unter den Menschen zu begreifen und ein bürgerliches Zusammenleben herzustellen, aber es gelingt ihr nicht, Brüderlichkeit zu schaffen«.“

Was ist bei unterschiedlichen Sozialisierungen? Kann ein Atheist nicht brüderlich mit dem Christen zusammenleben? Kann eine tiefe Glaubensdifferenz nicht auch Gräben aufreißen?

„Wir glauben: »Wenn man im Namen einer Ideologie Gott aus der Gesellschaft ausstoßen will, betet man schließlich Götzen an, und sehr bald verliert der Mensch sich selber, wird seine Würde mit Füßen getreten und werden Seine Rechte verletzt. Ihr wisst genau, zu welchen Brutalitäten der Entzug der Gewissens- und der Religionsfreiheit führen“

Das ist sicher richtig. Was folgt aber daraus in Bezug auf das große Thema der Welteinheit, der Geschwisterlichkeit aller Religionen und Weltanschauungen untereinander? Stößt man Menschen nicht auch genau mit dieser Erkenntnis vor den Kopf?

275. „Es muss gesehen werden, dass »Hauptursachen für die Krise der modernen Welt ein betäubtes menschliches Gewissen und eine Entfremdung von religiösen Werten sowie die Dominanz von Individualismus und materialistischen Philosophien sind“

Da es in der modernen Welt kaum noch Katholiken gibt, bezieht sich diese Aussage ja im Grunde auf Glaubensferne. Widerspricht das nicht dem Grundtenor dieser Enzyklika?

276. „Aus diesen Gründen respektiert die Kirche zwar die Autonomie der Politik, beschränkt aber ihre eigene Mission nicht auf den privaten Bereich. Im Gegenteil, sie kann und darf beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen“

Die Frage ist doch viel mehr, ob die Politik die Kirche noch respektiert und anfragt. 

„Es stimmt, dass religiöse Amtsträger keine Parteipolitik betreiben sollten, die den Laien zusteht, aber sie können auch nicht auf die politische Dimension der Existenz verzichten […]. [Die Kirche] hat nicht vor, weltliche Macht zu erlangen, sondern als »eine Familie unter Familien – das ist die Kirche –« zu dienen, die »offen dafür ist, der heutigen Welt den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zum Herrn und zu denen, die er besonders liebt, zu bezeugen. Ein Haus mit offenen Türen. 

Widerspricht das nicht dem ganzen vorherigen Grundtenor? Ich stimme zu – aber wie will man auf der Basis eine Weltregierung gründen?

278. „Die Kirche ist dazu berufen, sich an allen Enden der Welt zu inkarnieren, und ist seit Jahrhunderten an jedem Ort der Erde gegenwärtig – das heißt „katholisch“. Somit kann sie aus ihrer Erfahrung von Gnade und Sünde heraus die Schönheit der Einladung zur universalen Liebe verstehen.“

Und nicht nur das. Was ist z.B. mit der Überwindung des Todes? Das wird hier die ganze Zeit ausgeblendet. Die Heilsnotwenigkeit, die kirchliche Verkündigung, das beschränkt sich nicht auf eine Einladung zum Dialog und weiter Schwärmerei. Die kirchliche Botschaft ist konkret. Vom Glaubensbekenntnis bis zur Naturrechtslehre. Und sie hat kraft ihres Wahrheitsanspruches natürlich auch zu gestalten. Die Frage ist bloß, wie das mit dem Grundtenor der Enzyklika zusammenpasst.

279. „Als Christen fordern wir in Ländern, in denen wir eine Minderheit darstellen, eine Garantie für unsere Freiheit.“

Ist das alles, was zur Christenverfolgung zu sagen ist? Verbal für Religionsfreiheit zu stehen, reicht in keiner Weise.

283 „Es stimmt nämlich: »Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe« (1 Joh 4,8). Deshalb ist »der verdammenswerte Terrorismus, der die Sicherheit der Personen im Osten als auch im Westen, im Norden als auch im Süden bedroht und Panik, Angst und Schrecken sowie Pessimismus verbreitet, […] nicht der Religion geschuldet – auch wenn die Terroristen sie instrumentalisieren –, sondern den angehäuften falschen Interpretationen der religiösen Texte“

Auch hier wieder so ein fast schon klassischer Schwenk. Nachdem sich der Text erst dem Anschein nach auf das Christentum bezog, kommt hier im Zitat der Terrorismus ins Spiel, wodurch der Islam indirekt verteidigt wird. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt, es wird einfach das muslimische Narrativ, der Islam könne nichts für die Gewalt in seinen Reihen, nachgesprochen. Das ist eindeutig zu wenig, angesichts der Bedrohung von Christen, für die Rom nichts tut, ist das ein zynischer und grausamer Zug. 

284. „Mitunter wird die fundamentalistische Gewalt bei manchen Gruppierungen welcher Religion auch immer durch die Unklugheit ihrer Anführer entfesselt.“

Angesichts derartiger Euphemismen der Gewalt gegenüber, die ja ansonsten so strikt verneint wird, bin ich sprachlos.

285. Bei dem brüderlichen Treffen mit dem Großimam Ahmad Al-Tayyib, an das ich mich freudig erinnere, »erklären wir mit Festigkeit, dass die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern. 

Die Worte hör ich wohl. …

Es folgt ein ökumenisches Ende mit Gebet, was den Rahmen als Rundschreiben eines Papstes markiert, allerdings bei mir einen mehr als faden Geschmack hinterlässt.

Thod Verfasst von:

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

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